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Jahresbericht des Statistikamtes : „Italien hat 20 Jahre verloren“

Das Statistikamt Istat in Rom Bild: Cristofari/Contrasto/Laif

Sinkende Realeinkommen, kleinerer Weltmarktanteil und niedrige Produktivität: Das Statistikamt zeichnet ein düsteres Bild von der Wettbewerbsfähigkeit der italienischen Wirtschaft. Das Jahr 2011 war ein psychologischer Wendepunkt.

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          Ein düsteres Bild von der Wettbewerbsfähigkeit Italiens hat der Präsident des italienischen Statistikamtes Istat, Enrico Giovannini, anlässlich der Vorstellung des Jahresberichts seiner Behörde gezeichnet. „Wir haben 20 Jahre verloren beim Versuch, die Ungleichgewichte Italiens zu beseitigen“, sagte er. Der Jahresbericht von Istat hält den Italienern und ihren Politikern Zahlen des wirtschaftlichen Niedergangs vor. Das durchschnittliche verfügbare Einkommen einer italienischen Familie liege derzeit real um 4 Prozent unter dem aus dem Jahr 1992, berichtete Giovannini. Die Italiener konsumierten zwar mehr, doch sei dafür die Sparquote von 20,2 Prozent 1996 auf 8,8 Prozent im Jahr 2011 zurückgegangen.

          Tobias Piller
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Das Jahr 2011 war nach der Interpretation des italienischen Chefstatistikers vor allem ein psychologischer Wendepunkt für die Italiener: Zu Beginn der vergangenen Krisenjahre sei der Konsum noch gestiegen, was darauf schließen ließ, dass die Menschen in Italien die Krisenzeichen als vorübergehend werteten. Seit 2011 dagegen lasse sich ablesen, dass die Italiener ihr Land in einer strukturellen, lang anhaltenden Krise sehen, weshalb hinsichtlich von Konsumentenzuversicht, privatem Konsum, Import und auch Investitionen kräftige Rückgänge verzeichnet wurden.

          Lange dauernde Zivilprozesse

          Ein deutliches Zeichen für die sinkende Wettbewerbsfähigkeit ist der Rückgang des italienischen Marktanteils auf dem Weltmarkt von 3,8 Prozent im Jahr 2000 auf nur noch 3,1 Prozent 2011. Italien sei noch immer auf traditionelle und technisch nicht besonders aufwendige Produkte spezialisiert, doch Traditionsbranchen wie die Möbel- und Textilindustrie schrumpften, während sich der Maschinenbau behaupten konnte. Es sei ein Mythos, sagte Giovannini, dass Italien besonders viele neue Unternehmen hervorbringe: Im Gegenteil, in den Daten für Gründungen liege Italien in Europa weit hinten.

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          Die Datensammlung des Statistikamts dreht sich vor allem um die niedrige Produktivität in Italien. Schon vor der Krise, für die Jahre 1995 bis 2007, sei das Wachstum der Arbeitsproduktivität mit durchschnittlich 0,4 Prozent im Jahr niedriger gewesen als der Durchschnitt der Europäischen Union mit 2,2 Prozent. Bezogen auf alle Produktionsfaktoren, weist Italien für 1995 bis 2007 einen Rückgang von 0,14 Prozentpunkten im Jahr auf, ein Phänomen, das sonst nur in Spanien beobachtet wird, während in den anderen europäischen Ländern positive Werte registriert wurden. Aus dem Rahmen fällt Italien schließlich auch mit lange dauernden Zivilprozessen, obwohl Istat nachweist, dass für Gerichte in Italien deutlich mehr Geld ausgegeben wird als in Frankreich oder Großbritannien.

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