https://www.faz.net/-gqe-vab6

IWF-Spitze : Strauss-Kahn muss sich gedulden

Warten auf die Nominierung für den Spitzenjob: Dominique Strauss-Kahn Bild: picture-alliance/ dpa

Dominique Strauss-Kahn heißt der französische Kandidat für das höchste Amt beim Internationalen Währungsfonds (IWF). Er erfüllt alle fachlichen Voraussetzungen für einen solchen Posten. Strauss-Kahn im Porträt.

          3 Min.

          Für Dominique Strauss-Kahn galt bislang der Satz: Er besitzt große Talente, aber er hat es nicht geschafft, sie adäquat zu nutzen. Sollte er nun den Sprung zum Generaldirektor des Internationalen Währungsfonds schaffen, hätte der 58 Jahre alte Franzose im Spätherbst seiner Karriere doch noch eine ihm angemessene Position erreicht.

          An seiner Qualifikation für den Chefsessel in Washington kann kein Zweifel bestehen: Strauss-Kahn ist ein hochintelligenter Wirtschaftsexperte mit Erfahrung in der Führung einer großen Organisation, und er ist in dem Maße Weltbürger, wie das ein Franzose sein kann.

          Ein Franzose mit Deutsch-Kenntnissen

          Strauss-Kahns große Zeit betrug bislang nur zwei Jahre, und die sind schon lange her. Von 1997 bis 1999 leitete der Sozialist das Pariser Wirtschafts- und Finanzministerium, als die Konjunktur ansprang und die französische Wirtschaft eine kurze Blütephase erlebte.

          Aus deutscher Sicht ein „exzellenter Kandidat”: Strauss-Kahn

          Er wirkte bei der Einführung des Euro mit, und auch während der schwierigen Gründung des französisch-deutschen Luftfahrt- und Rüstungskonzerns EADS spielte er eine Rolle; nicht zuletzt, weil er Deutsch spricht und Deutschland besser versteht als die meisten Franzosen.

          Merkwürdige Korruptionsaffäre

          Verlassen musste er das Ministerium wegen einer merkwürdigen Korruptionsaffäre aus einer früheren Tätigkeit als Wirtschaftsanwalt, aus der er allerdings juristisch unbeschadet herauskam.

          Seit 1999 war Strauss-Kahn, der in der gesamten Bevölkerung immer in höherem Ansehen stand als in seiner Partei, als Parlamentsabgeordneter und Bürgermeister einer Pariser Trabantenstadt im Wartestand für eine Präsidentschaftskandidatur.

          Seine Karriere schien beendet

          Als er dann im vergangenen Jahr gegenüber seiner parteiinternen Rivalin Ségolène Royal unterlag, schien seine Karriere beendet. Seitdem galt er als alter und politisch verbrauchter „Elefant“ in einer Sozialistischen Partei, die dringend eine Verjüngung benötigt.

          Strauss-Kahns politisches Scheitern erklärt sich aus einer Ambivalenz. Der promovierte Ökonom ist immer zu sehr Wirtschaftsexperte geblieben, um als Vollblutpolitiker zu reüssieren.

          Schlagfertig, witzig, demagogisch

          Er ist ein begnadeter Redner, der schlagfertig, witzig und auch demagogisch sein kann, aber er gehörte nie zu jenen Politikern, die das Bad in der Menge suchen oder auf Landwirtschaftsmessen liebevoll Kühe streicheln, wie es Jacques Chirac gerne tat. So fehlte ihm der Rückhalt in seiner oftmals biederen und verunsichert wirkenden Partei, zumal er sich gerne als intellektueller Vordenker und als international vernetzter Mann mit guten Verbindungen in die Wirtschaft gab.

          Andererseits hat Strauss-Kahn aber auch immer zu sehr auf Wählerstimmen geschielt, um ein kohärentes Wirtschaftsprogramm für eine moderne Linke zu entwickeln, wie es ihm lange vorschwebte. Mit seiner Forderung, die noch manchen verstaubten Ideen anhängenden französischen Sozialisten müssten sich in eine zeitgemäße sozialdemokratische Partei verwandeln, stieß er auf starken Widerstand.

          Eine französische Sicht der Welt

          So stand und steht Strauss-Kahn für vieles. Er hat Unternehmen privatisiert und gleichzeitig Loblieder auf Staatsunternehmen gesungen, er hat im Jahre 1997 die 35-Stunden-Woche ins Wahlprogramm der Sozialisten gebracht und später durchblicken lassen, er habe dies nur in der sicheren Annahme getan, die Linke werde die Wahlen verlieren - die Linke gewann und sah sich gezwungen, die 35-Stunden-Woche einzuführen.

          Strauss-Kahn besitzt eine ziemlich feste und sehr französische Sicht der Welt, die nach seiner Meinung in den kommenden Jahrzehnten von mehreren großen Machtblöcken geprägt sein wird, die lernen müssen, miteinander umzugehen. Und sei es durch gegenseitige Regulierungen, wenn die Bewahrung der eigenen Interessen dies erfordert.

          Jüdische Herkunft mit Wurzeln im Elsass

          Eine liberale Weltsicht ist das nicht, aber andererseits ist Strauss-Kahn auch kein überzeugter Protektionist. Von allen französischen Politikern steht wahrscheinlich niemand der Globalisierung so offen gegenüber wie er.

          Das mag sich aus seiner Biographie erklären. Dominique Strauss-Kahn wurde am 25. April 1949 in der reichen Pariser Vorstadt Neuilly in eine jüdische Familie geboren, deren Wurzeln im Elsass zu suchen sind. Einen großen Teil seiner Kindheit verbrachte er in Marokko, das bis heute sein Lieblingsland geblieben ist, und in Monaco.

          Er war einmal ein Marx-Fan

          Später studierte er Ökonomie, Jura und Politische Wissenschaften; im Alter von 32 Jahren wurde er Professor für Ökonomie an einer Pariser Universität. Schon damals befasste er sich mit den Themen Sparverhalten und Demographie, wobei er zu dem Schluss kam, dass die staatlichen Rentensysteme auf die Dauer überlastet würden.

          Einige Jahre später ging Strauss-Kahn in die Politik, wobei er im Laufe der Jahre vom linken Flügel der Sozialisten (er war einmal Marx-Fan) an den rechten Flügel wanderte.

          Sinnenfroh und sehr charmant

          Strauss-Kahn beschäftigt sich in seinem Leben aber nicht nur mit Politik und Ökonomie und gelegentlich mit Schach. Er genießt den Ruf eines sinnenfrohen und außergewöhnlich charmanten Mannes, der auch weiß, seinen Charme mit Erfolg einzusetzen. Verheiratet ist er in dritter Ehe mit Anne Sinclair, einer bekannten französischen Fernsehjournalistin.

          Sein Leben in Stichworten

          25. April 1949: Dominique Gaston André Strauss-Kahn wird in dem Pariser Vorort Neuilly sur Seine geboren. Sein Vater ist Rechts- und Finanzberater. Die ersten zehn Lebensjahre verbringt Strauss-Kahn in Marokko und Monaco.

          1971: Nach Schulbesuchen auf dem Lycée de Monaco und dem Lycée Carnot in Paris studiert Strauss-Kahn an der Université de Paris X-Nanterre. Er erwirbt ein Diplom an der École des hautes études commerciales und den Studienabschluss in Jura.

          1972: Diplom des Institut d'études politiques de Paris.

          1975: Promotion in Wirtschaftswissenschaften.

          1977: Lehrbeauftragter der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Nancy II.

          1978-1980: Wissenschaftlicher Berater des französischen Statistikamts Institut national de la statistique et des études économiques (Insee).

          1980: Leiter der Forschungsabteilung am Centre national de la recherche scientifique (CNRS).

          1981: Ruf als Professor an die Université de Paris X-Nanterre.

          1978-1982: zusätzlich UNO-Consultant.

          1984-1989: Nationalsekretär (Vorsitzender) der Sozialistischen Partei (PS).

          1986: Wahl in die Nationalversammlung.

          1988-1991: Vorsitz des Finanzausschusses der Nationalversammlung.

          1991-1992 : Beigeordneter Minister für Industrie und Außenhandel beim Wirtschafts-, Finanz- und Haushaltsminister.

          1991: Heirat in dritter Ehe mit der Fernsehjournalistin Anne Sinclair. Aus den zwei Ehen zuvor hat er einen Sohn und drei Töchter.

          1992-1993: Minister für Industrie und Außenhandel.

          1995: Wahl zum Bürgermeister der Pariser Trabantenstadt Sarcelles und während der Präsidentschaftskampagne von Lionel Jospin dessen offizieller Sprecher.

          1997-1999: Wirtschafts- und Finanzminister unter Premierminister Lionel Jospin.

          2. November 1999: Rücktritt im Zusammenhang mit dem Skandal bei der studentischen Rentenkasse MNEF. Strauss-Kahn wird vorgeworfen, als Wirtschaftsanwalt ein Honorar für eine fingierte Beratertätigkeit bei der MNEF erhalten zu haben.

          Weitere Themen

          Wird Dosenwein der neue Hype? Video-Seite öffnen

          Start-Up aus Südafrika : Wird Dosenwein der neue Hype?

          In den Vereinigten Staaten ist der Markt schon gut etabliert. Ein Start-Up in Südafrika will expandieren und sieht auch Chancen in Europa. Wird Dosenwein auch hierzulande der neue Hype?

          Topmeldungen

          Nach den Attentaten von Hanau: Demonstranten zeigen ihren Zorn auf die AfD.

          Gastbeitrag von Boris Palmer : Der AfD nicht voreilig Mitschuld für Hanau geben

          Die Behauptung, die AfD trage eine Mitschuld an den Morden von Hanau, weil sie ein geistiges Klima geschaffen habe, das solche Taten erst ermögliche, war zumindest vorschnell. Wer nun eine Stigmatisierung der AfD-Wähler propagiert, spielt der Partei in die Hände. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.