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IWF-Nachfolge : Schwellenländer wollen mitreden

  • Aktualisiert am

Nachfolge gesucht: Dominique Strauss-Kahn im Gericht in New York Bild: dpa

Strauss-Kahn ist zurückgetreten. Wer folgt an der Spitze des IWF? Brasilien, China und die Türkei pochen darauf, dass der neue Chef nicht aus Europa kommen muss. Europas Regierungen nennen dagegen schon eigene Kandidaten.

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          Nach dem Rücktritt des inhaftierten Dominique Strauss-Kahn wollen die Schwellenländer mitbestimmen, wer an der Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF) folgt. Europa konnte bislang seinen Einfluss im IWF meist mit einem Europäer als Chef sichern. Diese Tradition greift Brasiliens Finanzminister Guido Mantega an. „Die Zeit ist längst vorbei, in der es auch nur entfernt hätte angemessen sein können, diesen wichtigen Posten für einen Europäer zu reservieren“, schreibt er am Donnerstag in einem Brief an seine Amtskollegen der Gruppe der 20 wichtigsten Schwellen- und Industrieländer (G20). „Brasilien hat immer die Position vertreten, dass die Auswahl auf Verdienst beruht unabhängig von der Nationalität.“

          Der IWF will schnellstmöglich über die Nachfolge an der Spitze beraten (siehe Strauss-Kahn kommt gegen Kaution frei ). Einstweilen übernimmt Vize John Lipsky die Leitung des in vielen Wirtschaftsfragen mächtigen Währungsfonds (siehe Der Stellvertreter an der IWF-Spitze). Über die Nachfolge des Franzosen Strauss-Kahns wird seit Tagen spekuliert und zwischen den Wirtschaftsnationen geschachert. Bisher machen die Amerikaner und die Europäer die Chefposten bei den Washingtoner Finanzinstitutionen unter sich aus: Ein Europäer leitet den Währungsfonds, während ein Amerikaner die Weltbank führt.

          China hat den Anspruch der Schwellenländer auf die Spitzenposition beim Internationalen Währungsfonds unterstrichen. Die Auswahl eines Kandidaten sollte auf Kriterien wie Leistung, Transparenz und Fairness basieren, sagte eine Sprecherin des chinesischen Außenministeriums am Donnerstag bei einer regulären Pressekonferenz. Damit bekräftigte sie die Haltung der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt nach den Vereinigten Staaten. „Im Prinzip glauben wir, dass Schwellen- und Entwicklungsländer in Spitzenpositionen vertreten sein sollten“, sagte sie. China zählt zu den Ländern, das in Zukunft auf Basis von Vereinbarungen aus dem vergangenen Jahr ohnehin mehr zu sagen haben wird beim IWF.

          Brasiliens Finanzminister Guido Mantega fordert mehr Einfluss beim IWF

          „Die Zeit ist vorbei“

          Brasiliens Finanzminister Mantega pocht auch darauf, dass in die Nachfolge-Entscheidung die Schwellenländer eingebunden werden. „Auch ist die Zeit vorbei, in der einige Entscheidungen von einer exklusiven Gruppe von Ländern wie der G7 getroffen werden konnten“, hieß es in dem Schreiben weiter. Die G20 habe die G7 (Gruppe der sieben wichtigsten Industrieländer) schon als Hauptforum für internationale Wirtschaftskooperation ersetzt. Der Wunsch einiger europäischer Länder nach einer raschen Lösung ihrer Probleme sei zwar verständlich. Dennoch dürfe die Nachfolge für den Chefposten einer solch wichtigen Institution nicht hastig geregelt werden. Der Minister hatte den Brief geschrieben, als Strauss-Kahn noch nicht zurückgetreten war.

          Auch die Türkei spricht sich dagegen aus, dass der Chefposten automatisch ein Europäer besetzt. „Europa ernennt den Chef des Internationalen Währungsfonds. Das muss sich ändern“, sagte Finanzminister Mehmet Simsek am Donnerstag in Batman. „Die Schwerkraft der Welt verschiebt sich vom Westen in den Osten.“ Als möglichen Kandidat wird auch der Türke Kemal Dervis genannt, der Vizepräsident der Washingtoner Denkfabrik Brookings Institution ist.

          Europa will eigenen Kandidaten

          Die europäischen Regierungen wollen dagegen eigene Kandidaten benennen. „Es ist nur selbstverständlich, dass sich die Mitgliedstaaten der EU als größte Geber des Fonds auf einen starken und kompetenten Kandidaten einigen“, sagte die Sprecherin von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso am Donnerstag in Brüssel. Demnach gibt es Beratungen zwischen den Mitgliedstaaten zur Nachfolge von Strauss-Kahn. Das sei eine Frage der „europäischen Verantwortlichkeit“. Detailfragen zu einzelnen Kandidaten beantwortete die Sprecherin nicht.

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