https://www.faz.net/-gqe-z5zu

IWF-Nachfolge : Schwellenländer wollen mitreden

  • Aktualisiert am

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will einen Europäer durchsetzen. Die Schwellenländer hätten „mittelfristig“ Anspruch auf den Chef-Posten bei IWF oder Weltbank, sagte sie am Donnerstag in Berlin. „Wir müssen auch in Rechnung stellen, dass die Amtszeit von Strauss-Kahn noch nicht abgeschlossen ist.“ Das könne auch ein „Argument in Richtung der Schwellenländer sein, sich vielleicht einem solchen Gedanken zu öffnen“. Zu möglichen Kandidaten äußerte sie sich nicht: „Ich werde heute keinen Namen nennen.“ Dazu werde es Gespräche in der Europäischen Union geben.

Frankreich bringt Finanzministerin Christine Lagarde als Nachfolgerin ins Gespräch. „Ich denke, sie wäre eine sehr, sehr gute Kandidatin“, sagte Verkehrsstaatssekretär Thierry Mariani am Donnerstag im Hörfunk. Aber ob sie es auch wird? Es werde im „gegenwärtigen Umfeld“ schwierig, die 55 Jahre alte Politikerin als neue IWF-Chefin durchzusetzen. „Es gibt leider nicht nur Frankreich, das davon träumt, die Leitung des IWF zu übernehmen“.

Lagarde gilt als eine mögliche Nachfolgerin, die auch von anderen europäischen Ländern unterstützt werden könnte. Allerdings besetzte Frankreich bereits mehrmals den IWF-Spitzenposten. Zudem drohen Lagarde Ermittlungen, weil sie eine Entscheidung zugunsten des französischen Skandalunternehmers Bernard Tapie beeinflusst haben soll (siehe Christine Lagarde: Sehnsucht nach Amerika). Den Rücktritt von Strauss-Kahn bezeichnete Mariani als „unvermeidlich“. Nun könne der 62 Jahre alte Franzose seine Verteidigung besser vorbereiten.

In Griechenland als Held gefeiert

Der niederländische Notenbankgouverneur Nout Wellink nennt den derzeitigen Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, als Nachfolger. „Trichet wäre ein fantastischer Kandidat“, sagte Wellink am Mittwochabend im niederländischen Fernsehen. Trichet, der Ende Oktober aus dem EZB-Amt scheidet, kenne sich in Europa aus und sei vollständig unabhängig. „Der IWF hat derzeit hauptsächlich mit Problemen zu tun, die Europa betreffen. Deshalb wäre es gut, einen weiteren Europäer an der IWF-Spitze zu haben“, sagte das EZB-Ratsmitglied.

Die Bundesregierung hofft auf eine schnelle Rückkehr zur Normalität beim Währungsfonds. „Mit diesem Schritt kann der IWF schnell wieder zur vollen Handlungsfähigkeit zurückkehren“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Donnerstag. Strauss-Kahn habe in einer schwierigen weltwirtschaftlichen Phase wertvolle Arbeit für den IWF geleistet. „Der Währungsfonds wird bei der Bewältigung der Folgen der Finanzkrisen auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen.“

Kritik an der Arbeit von Strauss-Kahn kommt dagegen auch aus Deutschland. Der IWF habe unter Strauss-Kahn „sehr großzügig“ in Griechenland geholfen, sagte der Chef des Münchner ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, im Bayerischen Rundfunk. „Herr Strauss-Kahn wurde in Griechenland als Held gefeiert, weil er das Portemonnaie so weit aufgemacht hat. Und weil er es aufgemacht hat, konnten es die Europäer dann auch tun, da ist eine Verkoppelung.“ Sinn führte dies auch auf französische Interessen zurück, die künftig weniger einflussreich sein dürften: „Wer auch immer der Nachfolger wird - wenn es nicht gleich wieder ein Franzose ist - wird da eine restriktivere Politik haben.“

Der Internationale Währungsfonds

Der Internationale Währungsfonds (IWF) ist in der weltweiten Finanzkrise zu einem der wichtigsten Krisenhelfer aufgestiegen. Die Sonderorganisation der Vereinten Nationen greift ein, wenn Staaten Finanzschwierigkeiten haben oder ihnen der Bankrott droht. Der IWF hilft den Mitgliedsländern dann mit Krediten. Die Finanzhilfen des IWF sind meist an strenge Auflagen geknüpft - etwa an die Sanierung des Staatshaushalts.

Chef des IWF ist in der Regel ein Europäer. Seit Ende 2007 war dies der Franzose Dominique Strauss-Kahn, der nun zurückgetreten ist. Der spätere Bundespräsident Horst Köhler stand von 2000 bis 2004 an der IWF-Spitze. Zunehmend drängen aber auch Schwellenländer darauf, den Topposten zu stellen.

Gerade in der Bewältigung der Euro-Schuldenkrise spielt der IWF eine wichtige Rolle. Zusammen mit den Europäern schnürte der Währungsfonds Milliarden-Rettungspakete für die Schuldensünder Griechenland, Irland und Portugal.

Der IWF wurde 1944 zusammen mit der Weltbank in Bretton Woods in den Vereinigten Staaten gegründet. Ziel war es, nach dem Zweiten Weltkrieg ein neues Weltwirtschaftssystem mit stabilen Wechselkursen einzuführen. Die Zusammenarbeit in der Währungspolitik und im internationalen Zahlungsverkehr sollte gefördert werden.

Die Kapitaleinlagen (Quoten) der mittlerweile 187 Mitgliedsländer richten sich unter anderem nach der Stärke ihrer Volkswirtschaft. Die Quote bestimmt auch das Mitspracherecht. Der Einfluss aufstrebender Schwellenländer - etwa Chinas oder Indiens - beim IWF wurde zuletzt mit einer Stimmrechts- und Quotenreform erhöht.

Weitere Themen

Topmeldungen

Ist die Welt noch zu retten? Eine Frau bei einer Demo in Lissabon.

Raus aus der Klimakrise : „Moralappelle bringen nichts“

Der Kölner Spieltheoretiker und Verhaltensökonom Axel Ockenfels erklärt im Interview, wo der Knackpunkt im Klimakonflikt liegt – und auf welcher Grundlage das Problem von der Weltgemeinschaft gelöst werden könnte.

Muhammad Bin Salmans Pläne : Der Ölprinz mit der Billion

Er ist jung und braucht das Geld: Der saudische Kronprinz Muhammad Bin Salman bringt den weltgrößten Ölkonzern Saudi Aramco an die Börse. Damit will er nicht nur das Land reformieren, sondern auch die eigene Macht sichern.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.