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Interview : "Generelle Arbeitszeitverlängerung kommt nicht in Frage"

  • Aktualisiert am

Pierer zeigt sich zufrieden mit dem Mobilfunkgeschäft Bild: dpa

An einzelnen Standorten sei eine längere Arbeitszeit ohne Lohnerhöhung notwendig, um eine Verlagerung von Stellen zu verhindern, sagte Siemens-Chef von Pierer im Gespräch mit der F.A.Z.

          5 Min.

          Die Überlegungen von Siemens, Tausende Stellen in Billiglohnländer zu verlagern, versetzen Mitarbeiter, Betriebsräte und die IG Metall in helle Aufregung. Proteste auf der Straße an den Standorten Kamp-Lintfort und Bocholt, wo der Konzern Telefone herstellt, und kernige Worte von Gewerkschaftsvertretern begleiten die Verhandlungen der Arbeitsgruppen mit Vertretern der Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Sie sollen Lösungen für einzelne Geschäftsfelder und Standorte des Konzerns finden.

          Vorstandsvorsitzender Heinrich von Pierer gibt sich trotz der heftigen Debatte gelassen: "Ich sage auf Betriebsversammlungen klipp und klar, daß wir für das gleiche Geld mehr arbeiten müssen", formuliert er im Gespräch mit dieser Zeitung. Das gelte aber nur für die Geschäftsfelder, in denen die Lage wie in Kamp-Lintfort und Bocholt kritisch sei. Insgesamt sind nach Darstellung von Siemens 2500 Arbeitsplätze wegen der Kosten von einer Verlagerung bedroht, weitere 2500 von strukturellen Veränderungen. Die IG Metall befürchtet den Abbau von mehr als 10 000 der 167 000 Arbeitsplätze bei Siemens in Deutschland. Vor zehn Jahren arbeiteten hierzulande noch 238 000 Menschen für den Konzern.

          "Eine generelle Arbeitszeitverlängerung kommt nicht in Frage"

          "Eine generelle Arbeitszeitverlängerung kommt nicht in Frage", stellt Pierer jetzt klar. "Da bin ich mir mit Herrn Huber einig." Die überraschende Einmütigkeit mit dem Zweiten Vorsitzenden der IG Metall endet aber dort, wo der Siemens-Chef wie in der Telefonfertigung einen Lohnkostennachteil von 25 bis 30 Prozent im Vergleich mit osteuropäischen Ländern ausgemacht hat. 14 Prozentpunkte dieser Lücke können nach seiner Rechnung mit einer von 35 auf 40 Stunden verlängerten Wochenarbeitszeit wettgemacht werden.

          Mit erfolgsabhängigen Gehaltsbestandteilen anstelle von Weihnachts- und Urlaubsgeld lasse sich der Nachteil weiter verringern. Für eine Service-Einheit des Mobilfunkbereichs ICM in Bocholt haben sich Firmenleitung, Betriebsrat und Gewerkschaft mit einem Tarifergänzungsvertrag auf eine Arbeitszeit von in der Regel 40 Stunden in der Woche und einer auch vom Geschäftserfolg abhängigen Entlohnung geeinigt.

          Pierer erwartet auch von den Verhandlungen für andere Geschäftsfelder und Standorte ähnliche Kompromisse. "Ich hoffe, daß es in den nächsten Wochen erste Ergebnisse der Arbeitsgruppen gibt." Die Strategie ist klar: Die Möglichkeiten zur Flexibilisierung auf Betriebsebene sollen im Rahmen der Tarifvereinbarung voll ausgeschöpft werden.

          Beschleunigter Wegzug von Arbeitsplätzen nach Osterweiterung

          Zum Erhalt von Arbeitsplätzen könnte nach Pierers Worten auch die Aufnahme von zusätzlichen Mitarbeitern in die Anfang 2003 geschaffene Servicegesellschaft beitragen. In ihr werden rund 12 000 Siemens-Beschäftigte zum niedrigeren Dienstleistungstarif und weiteren Einbußen wie der Wochenendarbeit ohne Zuschlag beschäftigt. Diese Gesellschaft hatte das Unternehmen gegründet, um gefährdete Stellen in den Sparten Netzwerktechnik ICN und Industriedienstleistungen I+S zu erhalten.

          Schritte gegen einen weiteren Anstieg der Arbeitskosten in Deutschland sind für Pierer unverzichtbar. "Seit längerem gibt es einen schleichenden Wegzug von Arbeitsplätzen in der deutschen Industrie." Diese Entwicklung wird sich nach seiner Meinung vom 1. Mai an mit der Aufnahme osteuropäischer Länder in die EU beschleunigen, wenn die Unternehmen hierzulande nicht gegensteuern. "Ich habe darauf in vielen Gesprächen Gewerkschafter und Politiker aller Parteien hingewiesen", berichtet Pierer, dessen Konzern den Beitritt der Osteuropäer schon seit längerem vorweggenommen habe. "Nicht ein Politiker hat mich wegen unserer Überlegungen, die Lohnkostennachteile zu verringern, attackiert oder gar als vaterlandslosen Gesellen beschimpft."

          Der Bemerkung von Bundeskanzler Gerhard Schröder, deutsche Konzerne sollten wegen "ein paar Groschen" mehr Gewinn nicht Produktion in Billiglohnländer verlegen, mißt der Vorstandsvorsitzende von Siemens nur wenig praktische Bedeutung bei. "Der Kanzler und die SPD versuchen Emotionen aufzunehmen. Wir aber können nicht warten, bis noch mehr Stellen in Deutschland bedroht sind." Außerdem müsse jedes Geschäftsgebiet von Siemens langfristig zumindest die Kapitalkosten verdienen. "Quersubventionen darf es auf Dauer nicht geben", lautet sein bekanntes Credo.

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