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Interview : „Deutsche Top-Manager verdienen zu wenig“

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„Die durchschnittliche Verweildauer von Konzernchefs liegt bei vier bis fünf Jahren”: Kevin Kelly Bild: F.A.Z. - Frank Röth

Bei VW ist der Vorstandschef gestürzt, bei der Telekom kurz darauf auch. Die Luft in den Chefetagen wird immer dünner. Headhunter Kevin Kelly über den Weltmarkt für Konzernchefs, die Honigtöpfe bei Private Equity und das Risiko, gefeuert zu werden.

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          Headhunter Kevin Kelly über den Weltmarkt für Konzernchefs, die Honigtöpfe bei Private Equity und das Risiko, gefeuert zu werden.

          Herr Kelly, bei VW ist der Vorstandschef gestürzt, bei der Telekom kurz darauf auch - was ist los in den Chefetagen?

          Das Risiko, als Vorstandschef gefeuert zu werden, war in der Tat noch nie so groß. Nicht nur bei so speziellen Firmen wie VW oder Telekom mit maßgeblichem Staatseinfluß. In Amerika bleibt ein CEO im Durchschnitt gerade noch 18 bis 24 Monate im Amt.

          So hektisch geht es in Deutschland nicht zu.

          Auch bei Ihnen sinkt die durchschnittliche Verweildauer von Konzernchefs, im Moment liegt sie bei vier bis fünf Jahren. Und die Luft wird noch dünner werden.

          Woran liegt das?

          Es gibt eine andere Radikalität als früher. Die Zustände sind nicht mehr zu vergleichen mit dem, was man als Deutschland AG bezeichnet hat: Einmal Vorstandschef im Dax, dann hatte man es geschafft. Dann passierte nicht mehr viel. Früher war es unvorstellbar, daß Vorstände mit Anfang 50 ausgewechselt werden. Die Anforderungen an die Manager sind gestiegen. Eine operative Spitzenleistung wird von ihnen erwartet, charismatische Führer müssen sie sein, dürfen aber niemanden verprellen. Ganz schön viel auf einmal. Die Ansprüche sind explodiert.

          Die Gehälter auch.

          Zu Recht. Ein Vorstandsvorsitzender steht heute stärker unter öffentlicher Beobachtung denn je, Quartal für Quartal. Der Chef wird eins zu eins mit dem Konzern identifiziert. Das geht so weit, daß manchmal sogar der Eindruck entsteht, der Aktienkurs korreliere direkt mit dem öffentlichen Image eines Konzernchefs. Gut für Sie als Zeitung übrigens

          Warum das?

          Weil sich die Spitzenmanager über die Medien profilieren müssen. Sie brauchen eine öffentliche Legende, um sich zu behaupten in dem Spiel zwischen Aktionären, Aufsichtsräten und Angestellten.

          Drücken die raschen Personalwechsel ein neues Selbstbewußtsein der Aktionäre aus?

          Ja. Bei der Deutschen Telekom spielte es sicher eine Rolle, daß die Beteiligungsgesellschaft Blackstone Anteile hält. Professionelle Investoren mit klaren Renditezielen. Die haben nicht die Langmut der öffentlichen Hand. Von dieser Seite wird sich der Druck auf das Management verstärken.

          Wenn ein Vorstand strauchelt, erhält er eine zweite Chance?

          Generell ist die Nachfrage nach gescheiterten Vorstandschefs auf dem Weltmarkt begrenzt.

          Bernd Pischetsrieder hatte gleich zwei unglückliche Abgänge; erst bei BMW, jetzt bei VW. Kann so jemand ein drittes Mal Konzernchef werden?

          Das glaube ich nicht. Aber finanziell haben Leute in dieser Liga ausgesorgt. Und Mandate in Aufsichtsräten sind sicher noch drin. Warum auch nicht? Es hat nichts Ehrenrühriges mehr, als Vorstand den Job zu verlieren. Früher war jemand verbrannt, wenn er es sich in der Deutschland AG einmal verscherzt hatte. Das ist heute nicht mehr so. Die Frage ist nur: Wo gehe ich hin, wenn ich einen Konzern mit 20 oder 100 Milliarden Umsatz geführt habe?

          Nach VW oder Telekom wird es schwer, eine adäquate Adresse zu finden.

          Da sieht fast alles nach Abstieg aus, umgekehrt sind die Vorstände bei solchen Konzernen recht gut abgesichert. Für die muß niemand sammeln gehen.

          Trotzdem ist ein Karriereknick mit Mitte 40 bitter, wie ihn Kai-Uwe Ricke gerade erlebt hat.

          Ich bin sicher, daß solche Manager wieder eine führende Rolle übernehmen werden, die sind international bekannt. Entscheidend bei einem Abgang sind immer die Begleitumstände: Sind Staatsanwälte im Spiel, wie bei Infineon, dann sind die Manager erst mal gebrandmarkt. Das ist der worst case.

          Ulrich Schumacher ist bei einem Private-Equity-Fonds untergekommen. Fangen die Finanzinvestoren die Gescheiterten auf?

          Natürlich haben viele B-Klasse-Manager die Goldgräberstimmung in der Private-Equity-Branche mitgekriegt und streben an die Honigtöpfe. Aber auch Top-Leute liebäugeln mit den Chancen dort. Die Finanzinvestoren in London und anderswo kokettieren damit, daß sie jeden kriegen können. Die Karotte muß nur groß genug sein, wie sie sagen.

          Stimmt das? Ist Private Equity hoffähig geworden?

          Ja. Wenn wir mit Vorständen reden, fragen die uns regelmäßig, ob wir nicht was für sie dort wüßten. Die erzählen dann von Freunden, die bei Private Equity mit einem einzigen Deal mehr verdienen als ein Dax-Vorstand in fünf Jahren.

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