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Internet : Das Turbonetz muss warten

Muss jeder abgelegene Bauernhof mit Hilfe von Sonderabgaben an das Turbonetz angeschlossen werden? Bild: dpa

Jeder will möglichst schnell im Internet surfen. Aber viel Geld wollen nur wenige dafür ausgeben. Manche Politiker erklären die Luxus-Versorgung zum Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Dabei gibt es keinen Grund, den Breitband-Ausbau mit Sonderabgaben zu fördern.

          Die deutsche Politik träumt vom Aufbruch in die Gigabit-Gesellschaft. Hochfliegende Prognosen über einen Investitions- und Wachstumsschub durch ultraschnelles Internet machen die Runde. Mit einer Million neuen Arbeitsplätzen und einer zusätzlichen Wirtschaftsleistung von bis zu 170 Milliarden Euro durch innovative Dienste in Energieversorgung, Gesundheit oder Medien rechnet der Bundesverband der Deutschen Industrie für die kommenden zehn Jahre.

          Bei solchen Aussichten müssten die Bagger eigentlich längst in Scharen unterwegs sein, um neue Hochgeschwindigkeitsleitungen bis in den letzten Winkel der Republik zu verlegen. Die Realität sieht anders aus. Von ihrem Breitbandziel – drei Viertel der deutschen Haushalte mit wenigstens 50 Megabit schnellen Anschlüssen zu versorgen – ist die Bundesregierung noch ein gutes Stück entfernt.

          Die Telekom hat alte Ausbaupläne weitgehend eingedampft

          Sechzig Prozent der Bevölkerung muss mit deutlich geringeren Geschwindigkeiten auskommen. Die meisten surfen weiterhin mit einem herkömmlichen DSL-Anschluss, der wegen der langen Kupferleitung vom Hauptverteiler der Deutschen Telekom zum eigenen Computer nicht mehr hergibt als sechs Megabit in der Sekunde. Diese „letzte Meile“ ist der Engpass. Damit der Internet-Turbo anspringt, muss das Kupfer durch Glasfaser ersetzt werden: mindestens bis zu den Verteilerkästen am Straßenrand, was dann mit Hilfe der VDSL-Technik Geschwindigkeiten von bis zu 50 Megabit ermöglicht oder gleich bis in die Häuser und Wohnungen, um hundert Megabit und mehr zu ermöglichen. Die Alternative ist das Fernsehkabel, für das sich schon drei Millionen Breitbandkunden entschieden haben. Glasfaseranschlüsse führen mit weniger als einem Prozent der insgesamt geschalteten 26 Millionen Internetanschlüsse hingegen ein Schattendasein.

          Daran wird sich wegen der hohen Ausbaukosten so schnell nichts ändern. Die Deutsche Telekom hat alte Ausbaupläne weitgehend eingedampft und konzentriert sich ebenso wie Vodafone vorläufig lieber auf die langsamere, aber deutlich preiswertere VDSL-Technik. Mutiger sind Regionalanbieter in Großstädten wie Köln, München oder Hamburg. Auch Energieversorger denken darüber nach, Glasfaser mit zu verlegen, wenn sie die Straßen für neue Strom- und Gasleitungen aufreißen. Aber noch fällt es den Investoren schwer, ihr Geld wieder hereinzubekommen. Hohe Bandbreiten sind bei den Kunden zwar begehrt, aber verwöhnt durch den jahrelangen Preiskrieg zwischen den Anbietern ist ihre Zahlungsbereitschaft begrenzt.

          Wer das Turbonetz will, soll es auch selbst bezahlen

          Vor allem gibt es für die meisten Deutschen gar keinen Grund, sich einen Hochgeschwindigkeitsanschluss zuzulegen: Es fehlt an einem attraktiven „Wunderdienst“, der derartig hohe Bandbreiten erforderte. Selbst für hochauflösendes Fernsehen reicht herkömmliche Anschlusstechnik völlig aus. So übersteigt das verfügbare Angebot jetzt schon die tatsächliche Nachfrage: Von den rund sechzehn Millionen deutschen Haushalten, die Bandbreiten von 50 Megabit und mehr nutzen könnten, hat tatsächlich weniger als ein Prozent einen solchen Hochgeschwindigkeitsanschluss gebucht.

          Die politische Debatte wirkt deshalb reichlich schizophren. Die Marktzahlen führen die Klagen über zu langsames Ausbautempo und Forderungen nach zusätzlichen Anreizen eigentlich ad absurdum. Dennoch kursieren allerlei Ideen, wie sich möglichst jeder einzelne Bundesbürger mit superschnellem Breitband beglücken lässt. Die CDU/CSU-Arbeitsgruppe Wirtschaft und Technologie will es gar zum Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge erklären: So wie an Wasser- und Stromleitung müsste dann jeder abgelegene Bauernhof an das Turbonetz angeschlossen werden.

          Es geht nicht um einen Internet-Mindeststandard, sondern um eine Luxus-Versorgung

          Aber was soll eine Universaldienstverpflichtung für ein Produkt, für das eine allenfalls rudimentäre Nachfrage besteht? Ganz nebenbei stellt sich die Frage, wer die benötigten Milliardenbeträge aufbringen soll. Öffentliche Gelder scheiden aus. Schließlich geht es hier nicht darum, bisher unversorgte Gebiete mit einem unverzichtbaren Internet-Mindeststandard auszustatten, sondern um eine Luxus-Versorgung. Und dafür sollen künftig alle deutschen Telefonkunden eine Sonderabgabe entrichten, wie es das renommierte Forschungsinstitut WIK allen Ernstes vorschlägt? Oder wird, wie die Deutsche Telekom mit Blick auf die Reform des Telekommunikationsgesetzes fordert, die Marktregulierung zurückgeschraubt, damit der Ex-Monopolist wieder mehr verdient und dann hoffentlich auch mehr investiert?

          Über viele Einzelfragen in der Regulierung, vom Investitionsschutz bis zu den hohen Mieten, die Wettbewerber für die Mitnutzung der letzten Meile an die Telekom zu zahlen haben, lässt sich trefflich streiten. Insgesamt jedoch zeigt sich, dass die Balance einigermaßen stimmt. Die dynamische Entwicklung auf dem Breitbandmarkt ist der beste Beweis dafür. Die weißen Flecken sind praktisch verschwunden, die Nutzerzahlen steigen rapide, und der scharfe Wettbewerb nimmt sogar eine Bandbreiten-Nachfrage vorweg, die sich erst nach und nach herausbilden wird. Die Politik sollte nicht in Aktionismus zu verfallen. Wenn die Kunden es wollen, kommt das Turbonetz – auch ohne Sonderabgaben und Versorgungspflichten.

          Helmut Bünder

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

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