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Internationale Finanzmärkte : Die Rückkehr der Unsicherheit

Der Optimismus vieler Börsianer ist nachhaltig beschädigt Bild: dpa

An den Finanzmärkten wird die Nervosität wieder größer. Es ist nicht nur die schwächere Konjunktur, das Unbehagen reicht weiter.

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          Die internationalen Finanzmärkte sind als Seismographen der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung der Welt unübertroffen. Dies gilt, obgleich Märkte zumindest kurzfristig auch von Stimmungen getrieben werden und zu Übertreibungen neigen. Derzeit spiegeln die internationalen Finanzmärkte ein wachsendes Gefühl der Verunsicherung wider. Es erklärt sich zu einem guten Teil mit Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung der Welt. Aber es beschränkt sich nicht darauf.

          Sechs Jahre nach dem Untergang von Lehman Brothers bestätigt sich eine Erkenntnis der Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff: Wirtschaftskrisen, die mit einer hohen Verschuldung und fragilen Finanzsystemen einhergehen, wirken lange nach. Derzeit richten sich die Blicke der Finanzmärkte vornehmlich auf Kontinentaleuropa, wo der von spezifischen eigenen Problemen geplagte Euroraum in eine weitere Rezession fallen könnte. Aber auch das Wirtschaftswachstum in den Schwellenländern bleibt unter den Erwartungen, und die nordamerikanische Lokomotive steht nicht so stark unter Dampf, als dass sie die gesamte Weltwirtschaft ziehen könnte.

          Aber zur nachlassenden Konjunkturdynamik gesellt sich das zumindest vage Gefühl, dass die Welt ein weniger sicherer Ort geworden ist und die Zukunft möglicherweise durch eine noch größere Unsicherheit gekennzeichnet sein wird. Die Vorgänge in der Ukraine haben hundert Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs daran erinnert, dass ernsthafte politische Spannungen zwischen großen Staaten auch in Europa auch heute noch denkbar sind. Die Welt ist nicht arm an Terror, aber der „Islamische Staat“ wirkt auf viele Menschen besonders furchterregend. Und die Angst des Menschen vor unsichtbaren Gefahren wie einem gefährlichen Virus wird durch die Verbreitung von Ebola geweckt.

          Eine Zunahme der Kursausschläge an den Finanzmärkten, ablesbar an sogenannten Volatilitätsindizes wie dem amerikanischen Vix, ist Ausdruck dieser Verunsicherung. Sie zeigt sich in einem spürbaren Rückgang der Aktienkurse. Er hat zwar noch kein dramatisches Ausmaß angenommen wie zuletzt vor sechs Jahren, aber er hat den Optimismus vieler Börsianer nachhaltig beschädigt.

          Diskussionen liefert auch der Wechselkurs

          Diskussionen bis hinein in die Politik liefert auch die Entwicklung der Wechselkurse. Die Abwertung des Euro gegenüber dem Dollar ist zwar seit rund zwei Wochen erst einmal zu einem Halt gekommen, aber sie beläuft sich seit Mai auf rund 9 Prozent und könnte nach den Prognosen von Großbanken noch weiter gehen. Schon regen sich in der amerikanischen Notenbank Fed Stimmen, die vor nachteiligen Folgen der Dollar-Aufwertung warnen. Manche amerikanische Ökonomen fürchten, dass sich über den Wechselkurs eine Deflation aus dem Euroraum in die Vereinigten Staaten ausbreitet. Daraus leiten sie Gefahren für den Aufschwung in den Vereinigten Staaten ab. Wie die jüngere Währungsgeschichte zeigt, verträgt der Wechselkurs von Euro und Dollar durchaus spürbare Schwankungen. Dagegen sind stärkere Kursschwankungen zwischen dem Dollar und den Währungen von Schwellenländern gefährlicher, weil sie die nicht selten fragilen Finanzsysteme der Schwellenländer unter erheblichen Druck setzen.

          Die wachsende Unsicherheit über die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft und der Kapitalmärkte wird die Nachfrage nach als sicher empfundenen Anlagen verstärken, auch wenn sie kaum eine Rendite versprechen. Als Anlagevehikel bieten sich Geldmarktfonds an, aber auch Anleihen von Staaten mit einem sehr guten Rating. Dies kann durchaus mit gegenläufigen Entwicklungen von hohen und niedrigen Zinsen einhergehen. An den Kapitalmärkten gelten Erhöhungen der kurzfristigen Leitzinsen in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien in der ersten Jahreshälfte als wahrscheinlich, aber gleichzeitig sinken dort die Renditen langfristiger Staatsanleihen. Die Rendite zehnjähriger britischer Papiere, die zu Jahresbeginn bei knapp über 3 Prozent lag, beträgt nur noch 2,19 Prozent.

          Weitere Renditesenkungen für deutsche Bundesanleihen

          Die Nachfrage nach Anleihen mit sehr guter Bonität kann auch weitere Renditesenkungen für deutsche Bundesanleihen zu Folge haben, zumal baldige Erhöhungen der Leitzinsen im Euroraum unwahrscheinlich sind und die Inflationsrate sehr niedrig liegt. Eine Rendite von nur mehr 0,40 Prozent für zehnjährige Papiere aus der Schweiz belegt, dass auch in Deutschland das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht sein muss.

          Für Anleger gilt es, in solchen Marktphasen nicht die Nerven zu verlieren. Wer langfristig in Aktien anlegt, muss in der Lage sein, auch einmal eine schwächere Marktphase zu überstehen. Bisher befindet sich der Aktienmarkt in einer Korrekturbewegung, aber noch nicht in einer regelrechten Baisse. Die sehr niedrigen Anleiherenditen sehen nicht sehr attraktiv aus. Aber im bisherigen Jahresverlauf hat ein Anleger mit zehnjährigen Bundesanleihen bessere Ergebnisse erzielt als mit dem Dax. Aus heutiger Sicht dürfte dies am Jahresende nicht anders aussehen.

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