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Integration von Flüchtlingen : Die Jahrhundertaufgabe

Flüchtlinge und Behörden müssen ihre Hausaufgaben machen, damit es mit der Vermittlung klappt. Bild: dpa

Deutschland muss Hunderttausende Flüchtlinge zu Arbeitern machen. Mit den bisherigen Strukturen wird das nicht klappen. Deshalb braucht die Kanzlerin einen Masterplan - und setzt auf die Arbeitsagentur.

          Michael Strucken träumt von einer idealen Welt. „In dieser idealen Welt“, sagt der Kölner Arbeitsvermittler, „säße der Asylbewerber, vier Tage nachdem er in Deutschland ankommt, in meinem Büro.“ Am ersten Tag erfasst der Bund seine Daten, am zweiten Tag wird der Bewerber dem Bundesland Nordrhein-Westfalen zugewiesen, am dritten Tag reist er nach Köln, und am vierten Tag klopft der Bewerber im 12. Stockwerk der Bundesagentur für Arbeit an Struckens Bürotür. Mit der Realität hat das nichts zu tun.

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          „Tatsächlich dauert es zurzeit noch mindestens zwei bis drei Monate, bis wir in Kontakt kommen“, sagt Stucken. Für den Mann, der die Flüchtlinge fit für den Arbeitsmarkt machen soll, sind diese Monate verschenkte Zeit. Hinzu kommt: Obwohl die Flüchtlinge, die Strucken Kunden nennt, schon anderswo Anträge ausgefüllt haben und von Amts wegen erfasst wurden, muss der Vermittler beim ersten Gespräch von vorne anfangen: Sprechen Sie etwas Deutsch? Was haben Sie gelernt? Haben Sie einen Schulabschluss? In den meisten anderen Städten vergeht noch sehr viel mehr Zeit, bis Flüchtlinge solche Fragen von Arbeitsvermittlern gestellt bekommen. Denn in Köln läuft ein Modellprojekt, in dem die Vermittlung in Deutschkurse und später in Arbeit besonders zügig losgehen soll („Early Intervention“).

          Deutschland und seine Behörden stehen vor einer Mammutaufgabe, deren Bewältigung über das Schicksal Hunderttausender Menschen entscheidet - und wohl auch über die Frage, „ob wir das schaffen“, um in den Worten von Angela Merkel zu bleiben. Allerdings scheint auch die Bundeskanzlerin nicht mehr dran zu glauben, dass die Jahrhundertaufgabe in den bestehenden Strukturen gelöst werden kann. Deshalb hat sie in der vergangenen Woche gehandelt: Wie diese Zeitung zuerst berichtete, hat Merkel den Vorsitzenden der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, mit der Leitung eines Arbeitsstabs betraut, der Vorschläge liefern soll, wie das Flüchtlingsmanagement optimiert werden kann. Am Freitag gab Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) dann bekannt, dass Weise die Leitung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) übernehmen wird. Ein Paukenschlag. Weise hat sich als Reformer von Deutschlands größter Behörde in Berlin einen Namen gemacht. Vor allem seine Fähigkeit, Management-Prozesse zu steuern - in klassischen Beamtenapparaten eine chronische Schwachstelle -, dürfte ihm das Vertrauen des Kanzleramts eingebracht haben.

          Deutschland braucht eine „Begleitkultur“

          Den Verantwortlichen ist eines klar: Scheitert dieses Projekt, droht die Stimmung in der Bevölkerung zu kippen. Nur wenn zügig geklärt wird, welche Menschen in Deutschland bleiben zu können und wie deren Perspektiven aussehen, um ihren Lebensunterhalt auf absehbare Zeit aus eigener Kraft bestreiten können, dürfte die Akzeptanz hoch bleiben. Alleine können das die meisten Neuankömmlinge, die selten die Landessprache sprechen, aber nur schwerlich schaffen. Deutschland brauche nicht nur eine Willkommenskultur, sondern auch eine „Begleitkultur“, fordert deshalb die rheinland-pfälzische CDU-Chefin Julia Klöckner.

          Doch davon ist derzeit wenig zu sehen. Bundespolizei, BAMF, Bundesagentur für Arbeit, Bund, Länder, Kommunen - zu viele Behörden und Ebenen des föderalen Staates sind in den Betreuungsprozess der Flüchtlinge eingebunden. Vor allem an den Übergangsstellen hakt es. Das fiel angesichts der überschaubaren Asylbewerberzahlen in der Vergangenheit nicht weiter auf. Nun aber droht der Kollaps des Systems, wenn der Zustrom nicht abreißt.

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