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Integration von Flüchtlingen : Die Jahrhundertaufgabe

Zwei Behördenwelten rücken zusammen

Bis sich ein solches Umdenken in behördlichen Strukturen niederschlägt, vergeht offenbar viel Zeit. Selbst für Asylbewerber aus Syrien, deren Chancen, im Deutschland bleiben zu dürfen, äußerst hoch sind, gibt es auf dem Weg in den Beruf Stolpersteine und Hürden, die einem schnellen Erfolg im Weg stehen. Eines von ungezählten Beispielen ist das, was in Behördendeutsch „Rechtskreiswechsel“ heißt: Solange das Asylverfahren läuft, kümmert sich Michael Strucken von der Bundesagentur für Arbeit um die Flüchtlinge in Köln. Werden sie anerkannt, sind automatisch die kommunalen Jobcenter („SGB II“) zuständig. Strucken schreibt dann einen Bericht an den Vermittler von der Schwesterbehörde, der den Flüchtling noch nie zuvor gesehen hat, und tritt selbst in den Hintergrund.

Syrische Flüchtlinge bei der freiwilligen Feuerwehr im schleswig-holsteinischen Kalübbe

„Ich bedauere es, die Kunden dann abzugeben, es entsteht oft ein Vertrauensverhältnis, ich kenne die persönlichen Geschichten und Besonderheiten“, sagt der Fachmann. Der erzwungene Wechsel beschleunige die Sache nicht. Eine andere Hürde ist der Datenschutz. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, kurz BAMF, bei dem Neuankömmlinge ihre Asylanträge stellen, darf nicht einfach all seine Informationen an die Arbeitsvermittler weitergeben. „Es gibt zwei unterschiedliche Rationalitäten in diesen Behörden, die nichts miteinander zu tun haben“, sagt Forscher Kolb. In Einrichtungen wie dem BAMF gehe es ausschließlich um die Frage, ob der Asylbewerber in Deutschland bleiben darf. Bei der Bundesagentur und in den Jobcentern geht es um die Arbeitsvermittlung. Zwei Behördenwelten also, die nichts miteinander zu tun haben - und die jetzt näher zusammenrücken sollen.

Dass der Blick dabei nun auf die Bundesagentur für Arbeit und ihren Chef Weise fällt, halten Fachleute für logisch. „Es macht Sinn, dass es einen Masterplan gibt, bei dem die Bundesagentur eine große Rolle spielt“, sagt IZA-Direktor Zimmermann. Aus Sicht des Forschers ist es richtig, „auf diese Kompetenzen zurückzugreifen“. Schon in einer zur Wochenmitte veröffentlichten Bestandsaufnahme hatte der Ökonom angeregt, dass die Fachleute der Agentur beim „Arbeitsmarkt-Profiling“, also dem schnellen Erfassen der Qualifikationen, stärker in die Verfahren eingebunden werden könnten. „Die Bundesagentur für Arbeit könnte diese Profilbildung leisten und zugleich den Kontakt zu Verbänden, Gewerkschaften und Unternehmen herstellen“, schreiben Zimmermann und zwei Ko-Autoren. Die vorhandenen Kräfte müssen gebündelt werden, diese Botschaft scheint angekommen.

Der Ausgang des Projekts ist dennoch völlig offen. Das ist nach den bisherigen Erfahrungen die einzige verlässliche Aussage. Selbst in Köln, wo manches schon schneller und strukturierter abläuft als anderswo, sind die Erfahrungen bestenfalls gemischt. Arbeitsvermittler Strucken lobt die hohe Motivation der Flüchtlinge: „Sie gehen nicht nur gerne zu den Sprachkursen, sondern sehr gerne, weil sie das als Chance begreifen.“ Lieber gestern als heute würden sie arbeiten gehen. Doch trotz des Tatendrangs und der Lernbereitschaft würden siebenmonatige Kurse in der Regel nicht ausreichen, um bei den Kursteilnehmern das Sprachniveau zu erreichen, das Ausbildungsbetriebe gerne hätten. Und das, obwohl an dem Modellprojekt nur Flüchtlinge teilnehmen, die mindestens einen Schulabschluss vorweisen können oder die sogar einen Hochschulabschluss und Berufserfahrung mitbringen. Die nackten Zahlen sind ernüchternd. Von den 240 Flüchtlingen, die seit Anfang 2014 in Köln in das Modellprojekt aufgenommen wurden, haben nur zwei Personen eine Ausbildungsstelle und eine Person einen Praktikumsplatz bekommen. Eine feste Anstellung? Haben gerade einmal sieben Flüchtlinge.

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