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Integration : Der Chinese von Lanxess

Manager in einem deutschen Chemiekonzern: Liu Zhengrong Bild: Kai Nedden / F.A.Z.

Einen wie Liu Zhengrong dürfte es gar nicht geben, wenn es nach der derzeitigen Integrationsdebatte geht. Die Geschichte des heutigen Lanxess-Personalchefs ist die eines höchst erfolgreichen Einwanderers. Außerdem ist er weder Naturwissenschaftler noch Betriebswirt, sondern Geisteswissenschaftler.

          Genaugenommen ist Herr Liu aus China zweimal in Deutschland angekommen. Das erste Mal landete er an einem kühlen Herbstsonntag mit einem Koffer, einem Rucksack und ein paar Hundert Mark in der Tasche am Flughafen Köln. "Ich kann mich noch genau an die Luft damals erinnern", sagt er. Das war vor zwanzig Jahren, fünf Tage nach der deutschen Wiedervereinigung. Liu war 22 Jahre alt.

          Inge Kloepfer

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Das zweite Mal kam er mit Frau, zwei Kindern und einem ganzen Hausstand. Heute hat er vier Kinder, einen deutschen Pass und einen spannenden Job in der Chemieindustrie. Liu Zhengrong, der sich in Deutschland Zhengrong Liu nennt, weil man hier - anders als in China - den Vornamen voranstellt, ist Personalchef beim deutschen Spezialchemiekonzern Lanxess. Er ist verantwortlich für 14 400 Mitarbeiter, darunter siebeneinhalbtausend Deutsche.

          Genaugenommen dürfte es so einen wie Liu eigentlich gar nicht geben; zumindest dann nicht, wenn man die Debatten in Deutschland verfolgt. Denn erstens ist seine Geschichte die einer höchst erfolgreichen Integration eines Zugewanderten. Und zweitens ist er alles andere als ein natur- oder betriebswirtschaftlicher Überflieger. Er hat diese Fächer nämlich gar nicht studiert. Liu ist Geisteswissenschaftler, einer von denen also, die in der Wirtschaft gemeinhin eigentlich nichts werden können. In Schanghai studierte er Sprachwissenschaften, hier Pädagogik, Politologie und Anglistik. Auf solche wie ihn aber ist man gar nicht erpicht hierzulande. Das Land hat genügend Geisteswissenschaftler, die Politiker und Unternehmen am liebsten allesamt sofort zu Ingenieuren machen würden.

          Liu Zhengrong und Lanxess, Liu Zhengrong und Deutschland - diese Geschichte ist wie so oft eine Verkettung von Zufällen. Als junger Mann wollte Liu unbedingt ins Ausland, aber nicht nach Deutschland. Doch waren 1989/90 nach den Unruhen und dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking nur für Deutschland Studentenvisa zu bekommen. So kam der Chinese ins Rheinland.

          Es entspricht seinem Naturell und wahrscheinlich auch seiner Herkunftskultur, freundlich lächelnd diese persönlichen Fragen zu beantworten, wenn man den Bogen nicht überspannt. Er erzählt seine eigene Geschichte gerne mit etwas Ironie. Vielleicht, um sie nicht ein weiteres Mal herunterzuleiern, weil er sie schon so oft erzählt hat. Aber man merkt ihm doch an, dass er lieber über seine Arbeit als Personalchef bei Lanxess reden würde, als immer wieder über seine Integration in die deutsche Gesellschaft. So ist das mit diesem Thema. Sucht man nach Protagonisten für Migrationsgeschichten mit einem Happy End, wollen diese gerade deshalb nicht reden, weil ihr Aufstieg ihnen so selbstverständlich erscheint.

          Wie kam der Chinese Liu zu einem deutschen Chemiekonzern? Er hätte auch Dozent werden können und später Professor. Wieder war der Zufall im Spiel. Liu hatte als Kölner Student manchem Bayer-Manager Chinesisch beigebracht. Einer von denen wollte ihn unbedingt einstellen - für China. So begann Lius Weg bei Bayer, der ihn zunächst zurück in sein schon boomendes Heimatland führte: als Personalleiter von Bayer in China.

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