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Förderprogramm : Was Integrationsklassen für Flüchtlinge leisten

  • -Aktualisiert am

Flüchtlinge beim Unterricht der Initiative „Teachers on the Road“ in Frankfurt. Bild: dpa

Spezielle Klassen sollen jugendliche Flüchtlinge in zwei Jahren zum Hauptschulabschluss führen. In vielen Fällen gelingt das nicht. Trotzdem ist das Programm enorm wichtig.

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          Als Besrat im vergangenen September auf die Wilhelm-Merton-Berufsschule in Frankfurt kam, übte sie zunächst einmal Lochen. Lehrer Eduard Dobler ließ die neue Klasse auch mit dem Lineal Striche zeichnen, zeigte den Schülern, wie herum sie das Schulheft halten müssen und übte mit ihnen, dass sie sich bei einer Frage melden müssen und dass dann nur derjenige sprechen darf, den er aufruft.

          Besrat geht in eine Alphabetisierungsklasse. In solche Klassen kommen in Hessen Flüchtlinge zwischen 16 und 19 Jahren, die unsere Buchstaben nicht kennen und in ihrem Heimatland nur wenig zur Schule gegangen sind. Dahinter steht das hessische Integrationsprogramm „InteA“. Es läuft seit vergangenem September. Jugendliche Flüchtlinge, noch nicht volljährig sind, sollen hier zwei Jahre lang Deutsch lernen und parallel dazu auf den Hauptschulabschluss vorbereitet werden. Ziel ist, dass die jungen Menschen einen Ausbildungsplatz bekommen.

          Als Eduard Dobler zum ersten Mal Besrats Klasse betrat, musste er seine Ansprüche aber erst einmal stark herunterfahren. Einige Schüler seien nicht in der Lage gewesen, eine Zahl exakt in ein Kästchen zu schreiben. Wenn sie überhaupt Buchstaben kannten, dann nur die ihrer Herkunftssprache. Die meisten Schüler kommen aus dem arabischen Raum oder Afrika.

          Zwei Jahre sind zu kurz

          Aufgrund solcher Erfahrungen gehen Fachleute davon aus, dass die beruflichen Erfolgschancen für viele Flüchtlinge schlecht sind. Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, schätzte schon im vergangenen Oktober: „Kurzfristig werden weniger als zehn Prozent der Flüchtlinge eine Arbeit finden“.

          Daniela Gloger, Lehrerin an der Wilhelm-Merton-Schule und InteA-Koordinatorin, hat eine ähnliche Auffassung. „Dass ein Flüchtling, der als Analphabet nach Deutschland kommt, trotz des InteA-Programms in zwei Jahren nicht schaffen kann, wofür andere neun Jahre lang zur Schule gehen, ist klar“, sagt sie. Es dauere fünf bis sechs Jahre, ausreichend Deutsch für Berufsschulunterricht zu lernen. Davon gingen Sprachwissenschaftler aus. „Wenn die Schülerinnen und Schüler nach nur zwei Jahren InteA eine Chance auf eine Ausbildung haben wollen, ist auf jeden Fall eine weitere sprachliche Förderung vor und während der Ausbildung notwendig“, so Gloger.

          An anderen Berufsschulen sind die Erfahrungen ähnlich. Und das Kölner Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) befand kürzlich, Flüchtlingen aus den wichtigsten Herkunftsländern falle es sehr schwer, eine Stelle in Deutschland zu bekommen.

          Eine wertvolle Brücke

          Ein Grund, die Sinnhaftigkeit des InteA-Programms abzustreiten, ist das aber keinesfalls. Das IW kommentiert seine Erkenntnisse: „Es ist zu bedenken, dass die Flüchtlinge nicht kommen, um unsere Probleme zu lösen, sondern weil sie wegen Krieg und Gewalt in der Heimat nicht mehr sein können“, schreiben Mitglieder des Instituts. „Das bestimmt Chancen und Grenzen der Integration bei uns. Will man geflüchteten Menschen eine faire Chance für ein gelingendes Leben bei uns eröffnen, dann sind die Bildung und Beschäftigung die wichtigsten, wenn auch nicht die einzigen Brücken zu uns.“

          Für Besrat und ihre Klassenkameraden macht die Brücke der Bildung und Beschäftigung viel aus. Dass sie nach zwei Jahren den Hauptschulabschluss schaffen, mag zweifelhaft sein, doch in der Gesellschaft dürften sie deutlich besser zurechtkommen als noch einige Monate zuvor. Die Schüler können lesen und schreiben und einige von ihnen können schon gut genug Deutsch, um sich in langsamer Sprechgeschwindigkeit zu unterhalten.

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