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Inflations- und Teuerungsrate : Der globale Preisdruck nimmt zu

Bild: F.A.Z.

Nicht nur der Ölpreis treibt die Teuerung: Europa importiert den Inflationsdruck einer weltweit lockeren Geldpolitik. Uneinigkeit herrscht bei den Einschätzungen zur Entwicklung der Inflationsrate.

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          Die Inflationsrate im Euroraum steht näher bei 3 Prozent als bei 2 Prozent. Im März kletterte sie auf 2,6 Prozent, ergab eine erste Schätzung. Für die Europäische Zentralbank (EZB) ist dies eine missliche Situation, denn ihre mittelfristige Zielmarke liegt bei nahe unter 2 Prozent. Getrieben wird die Teuerung von den Rohstoffpreisen, vor allem dem Ölpreis. In Euro gerechnet hat sich Brent-Öl innerhalb eines Jahres um 37 Prozent verteuert. Der Benzinpreis, in Deutschland zu mehr als der Hälfte durch Steuern bestimmt, kletterte um 11 Prozent auf zuletzt 1,57 Euro je Liter. Heizöl verteuerte sich um 23 Prozent. Auch für viele andere Rohstoffe und Nahrungsmittel sind die Preise drastisch gestiegen: Der Rohstoffpreisindex des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts zeigt für den Euroraum ohne Energie eine Steigerung um zuletzt 33,4 Prozent.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          „Es ist von entscheidender Bedeutung, dass der jüngste Anstieg der Teuerungsrate auf mittlere Sicht keinen breit angelegten Inflationsdruck zur Folge hat“, schreiben die Währungshüter in ihrem jüngsten Monatsbericht. „Große Wachsamkeit ist geboten.“ Allerdings halten die EZB-Fachleute den Anstieg der Inflationsrate für vorübergehend. Von einem „Buckel“ sprach EZB-Präsident Jean-Claude Trichet in einer Pressekonferenz. Nach der im März nach oben korrigierten Prognose der EZB wird die Inflationsrate dieses Jahr im Mittel bei 2,3 Prozent liegen. Der scheidende Bundesbankpräsident Axel Weber rechnet allerdings damit, dass die Preise im Jahresdurchschnitt „Richtung 2,5 Prozent“ gehen. In Deutschland könnte die Inflation in der zweiten Jahreshälfte an 3 Prozent herankommen, sagte Weber beim EU-Finanzministertreffen im ungarischen Gödöllö.

          Der EZB kommt es nun entscheidend darauf an, dass die Inflationserwartungen „fest verankert“ sind, wie Trichet betont. Allerdings sind auch die Inflationserwartungen, die sich aus den Renditen für inflationsindexierte Anleihen errechnen, zuletzt recht deutlich gestiegen. An den Edelmetallbörsen hat die Inflationsangst die Notierungen für Gold und Silber auf Rekordhöhen getrieben.

          Es hängt vom Ölpreis ab

          Nicht alle Ökonomen sind davon überzeugt, dass die Geldpolitiker von dem „Buckel“ so schnell wie erhofft wieder herunterkommen. „Die Inflationsrate wird weiter hochgehen und in der Spitze im September bis November auf 2,9 Prozent steigen“, erwartet Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank. „Auch die Kernrate geht stetig hoch, dieser Trend wird sich auch 2012 fortsetzen“, sagt Mayer. Als die Kernrate bezeichnen Ökonomen jenen Teil der Teuerung, der von Öl- und Nahrungsmittelpreisen absieht. Noch ist die Kernrate niedrig. Im März hat sie sich nach Schätzung von Volkswirten auf 1,2 Prozent erhöht. Der Grund für den geringen Preisauftrieb der Kernrate: Dienstleistungspreise und Mieten, die im Warenkorb der Statistiker einen großen Teil ausmachen, steigen laut Statistik nur langsam.

          „Auf das Konto des Öls gehen 60 Prozent des Inflationsanstiegs der letzten zwölf Monate, zusammen mit den Lebensmitteln sind es 80 Prozent“, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank. Sollte der Ölpreis wegen der Unruhen im arabischen Raum in Richtung 150 Dollar schießen – den Höhepunkt vom Sommer 2008 – wäre ein Anstieg der Inflationsrate über 3 Prozent unvermeidlich. Steige er nicht deutlich über 120 Dollar (umgerechnet 85 Euro), dürfte die Teuerung im Euroraum in zwei Monaten den Höhepunkt erreicht haben, meint Kater.

          „Wir importieren die Inflation“

          Unter den hohen Energie- und Rohstoffpreisen leiden die Unternehmen, deren Produktionskosten sich direkt verteuern. Die Erzeugerpreise lagen im März mehr als 6 Prozent über dem Vorjahresniveau. „Selbst ohne Energie stiegen die Erzeugerpreise um 4,5 Prozent“, betont Ulrike Rondorf von der Commerzbank. Laut den Umfragen der EU-Kommission und des Ifo-Instituts planen die Unternehmen verstärkt Preiserhöhungen. In Deutschland sind mittlerweile rund 85 Prozent der Industriekapazitäten ausgelastet. Je stärker aber die Konjunktur, desto wahrscheinlicher ist eine Überwälzung des Kostendrucks auf die Verbraucher. „Mittelfristig ist ein höherer Preisanstieg auf breiter Front möglich“, warnt die Commerzbank.

          Das Augenmerk der Zentralbanker richtet sich nun auf die Lohnentwicklung. Auf jeden Fall wollen sie vermeiden, dass die Gewerkschaften durch höhere Tarifabschlüsse eine Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen. Die jüngsten deutschen Tarifabschlüsse, etwa das Plus von 4,1 Prozent in der Chemiebranche, will EZB-Präsident Trichet nicht kommentieren. Bankvolkswirte sehen noch kein akutes Alarmsignal. „Die Forderungen der Gewerkschaften sind noch vergleichsweise moderat“, heißt es bei der Commerzbank.

          Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Mayer sieht indes einen globalen Preisdruck. Der Grund dafür sei der Kurs der amerikanischen Zentralbank Fed. „Die Fed-Geldpolitik ist extrem locker und wird auf die Schwellenländer übertragen, bei Inflationsraten von 5 Prozent in China und 8 Prozent in Indien sind deren Leitzinsen viel zu niedrig.“ Die Flut billigen Geldes heize das Wachstum in den Schwellenländern an und habe längst eine Preis-Lohn-Spirale in Gang gesetzt. „Und das kommt dann wie ein Bumerang in die Industrieländer zurück. Wir importieren die Inflation.“ Die Zeit, da die Globalisierung durch billige Importe einen dämpfenden Einfluss auf die Preisniveaus hatte, sei vorüber. „In der ersten Runde verteuern sich die Rohstoffe, in der zweiten Runde verteuern sich die Waren.“ Den Zentralbanken werde es schwerfallen, sich gegen diesen Inflationsdruck zu stemmen.

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