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Nach der Reform : Indiens Banken schwimmen im Bargeld

Proteste gegen die Bargeldreform: Es grassiert die Vermutung, dass viele kleine Leute ihre Konten jenen gegen eine Gebühr zur Verfügung stellen, die ihr angehäuftes Schwarzgeld loswerden müssen. Bild: AFP

Nach dem Entzug des Geldes will die Regierung nun den elektronischen Zahlungsverkehr fördern. Doch eine Viertel Milliarde Menschen hat keinen Zugang zu Banken. Der Konflikt verschärft sich.

          3 Min.

          Indien stöhnt nicht nur unter dem Bargeldentzug, sondern nun auch unter anschwellenden Bankguthaben. Die indische Regierung hatte in der Nacht zum 9. November 86 Prozent des Bargeldbestandes in Form der beiden großen Banknoten für ungültig erklärt. Sie können nur noch auf Guthaben eingezahlt werden, um dann neue Scheine zu erhalten. Damit wachsen die Guthaben schlagartig an. Allerdings grassiert die Vermutung, dass viele kleine Leute ihre Konten jenen gegen eine Gebühr zur Verfügung stellen, die ihr angehäuftes Schwarzgeld loswerden müssen. Bekannt ist, dass Fabrikanten ihren Arbeitern den Lohn nun für Monate im Voraus zahlen, damit diese ihn auf ihre Konten einzahlen, und die Fabrikanten ihren Bargeldbestand mindern.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Bislang zirkulierten umgerechnet rund 265 Milliarden Dollar in der indischen Volkswirtschaft. Davon hat die Regierung unter Ministerpräsident Narendra Modi 212 Milliarden Dollar für ungültig erklärt. Analysten schätzen, rund 130 Milliarden dieses Geldes würden in diesen Tagen auf Bankkonten eingezahlt werden. In der ersten Woche nach der Erklärung lag die eingezahlte Summe schon bei umgerechnet 74 Milliarden Dollar. Aufgrund dieser Flut hat die indische Notenbank die Geschäftsbanken nun angewiesen, unter ihren gestiegenen Reserveforderungen die zusätzliche Liquidität an sie zu überweisen. Die Geldflut dürfte die Reserve Bank davon abhalten, wie zunächst erwartet, Anfang des Monats den Leitzins weiter zu senken.

          90 Prozent aller Geschäfte bisher bar abgewickelt

          Die höheren Einlagen bei der Notenbank aber drücken auf die Zinsmarge der indischen Geschäftsbanken, denn die abgeführten Reserven bleiben unverzinst. Modi hat zugleich ein großes Bekenntnis zum elektronischen Zahlungsverkehr für Indien geleistet. Die Geldentwertung durch die Regierung werde in wenigen Monaten schon das elektronische Zahlen in Indien drastisch vorantreiben. Nandan Nilekani, der Mitbegründer des Softwareriesen Infosys, erklärte, die Digitalisierung des Zahlungsverkehrs werde durch den Schritt der Regierung nun nur „drei bis sechs Monate dauern, sonst wären es drei bis sechs Jahre gewesen“.

          Bislang werden in Indien freilich rund 90 Prozent aller Geschäfte bar abgewickelt. Das allerdings liegt auch daran, dass nach Schätzungen der Weltbank nur 53 Prozent der Inder überhaupt Zugang zu Banken haben. In einer jüngeren Untersuchung heißt es, gut 250 Millionen Inder hätten keinerlei Bankverkehr. Damit werden die Armen des Landes von der Bargeldreform und dem künftigen elektronischen Zahlungsverkehr weitgehend ausgeschlossen. Unterdessen wächst der Konflikt. Die Opposition ruft weiterhin zu Demonstrationen auf. Das Parlament ist blockiert. Der Ökonom Jean Drèze warnt in Delhi davor, die Reform wirkte, “als ob man auf die Reifen eines Rennwagens schießt“.

          Analysten sind sich weitgehend einig, dass der Modi-Schritt Wachstum kosten werde. Der Aktienmarkt hat seit dem 9. November schon gut 6 Prozent seines Wertes verloren. Gerade Hersteller von Konsumgütern bekommen den Geldmangel potentieller Kunden zu spüren. Indiens größte Traktorhersteller, Mahindra & Mahindra Ltd, bietet den Bauern nun eigene Kredite an, damit sie ihr Saatgut noch kaufen können.

          Front gegen die Besitzer von Schwarzgeld

          Dahinter steht die Sorge von Geschäftsführer Pawan Goenka, der Fahrzeugmarkt werde mit einem Rückgang von 20 Prozent auf den Geldmangel reagieren, der Markt für Nutzfahrzeuge sogar mit einem Einbruch von 30 Prozent. Der frühere Finanzminister Palaniappan Chidambaram erklärte: „Hätte mich der Ministerpräsident gefragt, ob er alle großen Banknoten für ungültig erklären sollte, hätte ich ihm abgeraten. Ich hätte ihm Fakten und Zahlen genannt. Hätte er auf seiner Entscheidung beharrt, hätte ich mein Amt zur Verfügung gestellt.“

          Gleichzeitig macht die Regierung weiter Front gegen die Besitzer von Schwarzgeld. Finanzminister Arun Jaitley verkündete nun ein Angebot, es offiziell in sauberes Geld zu wechseln: So sollen Besitzer von Schwarzgeld, die sich bekennen, neben den Steuern eine Strafe von 60 Prozent zahlen müssen. Damit nicht genug: Vom verbliebenen Geld stehen ihnen 25 Prozent zur Verfügung. Die anderen 25 Prozent müssen sie der Regierung für einen Zeitraum von vier Jahren zinslos zur Verfügung stellen. Damit wird ein neuer Wohlfahrtsfonds gespeist. Jenen, denen die Beamten auf die Schliche kommen, bleiben nur 15 Prozent ihres Geldes, was dann entsprechend halbiert werden wird.

          Allerdings macht Bargeld nur geschätzte rund 6 Prozent des illegal angehäuften Kapitals in Indien aus: Der Löwenanteil liegt in Immobilien. Deshalb will die Kritik nicht enden, dass Modi nur ein gut gemeintes populistisches Theater veranstalte, bei dem die großen Fische ungestraft davonkämen. Das ist riskant: Noch scheint der überwiegende Teil der Bevölkerung die Probleme durch den Bargeldentzug hinzunehmen. Doch Anfang des Jahres stehen wichtige Wahlen an, auf die sich die Opposition vorbereitet.

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