https://www.faz.net/-gqe-7zsn9

Flüchtlings-Diskussion : Wirtschaftlich ist das Kosovo besser als sein Ruf

Serbisches Grenzpersonal hält Migranten aus dem Kosovo auf. Bild: AP

Die Menschen sind motiviert, aber die Arbeitslosigkeit ist hoch - das kleine Land auf dem Balkan steht vor einer Reihe von Problemen. Viele Menschen flüchten Richtung Westen.

          4 Min.

          Hans-Joachim Hemstedt ist genervt von den vielen Klischees über das Kosovo, vor allem zur Kriminalität. „Dort lasse ich mein Auto offen stehen, das würde ich in Deutschland niemals wagen“, sagt der Braunschweiger Unternehmer. „Ich bin auch noch nie auf Rauschgift oder Korruption gestoßen.“

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Seit sieben Jahren ist der Eigentümer des gleichnamigen Unternehmens auf dem Balkan tätig, derzeit verbringt er die meiste Zeit in Drenas (Gllogoc), 30 Kilometer westlich der Hauptstadt Prishtina. Für 4 Millionen Euro hat der Mittelständler dort ein Werk für Aufzugsanlagen namens Liftkos errichtet. „Kos“ steht für Kosovo, was in der Landessprache Amsel bedeutet. Das Amselfeld hat dem Kosovo seinen Namen gegeben. 2014, im ersten vollen Geschäftsjahr, wurden in Drenas 30 Aufzüge gefertigt, 2015 sollen es fünfmal so viele werden. Die Mitarbeiterzahl will Hemstedt von 40 auf 100 aufstocken. „Das Geschäft läuft“, sagt er. In der Bauwirtschaft sei der Nachholbedarf riesig, in 90 Prozent der Gebäude arbeiteten die Fahrstühle fehlerhaft oder gar nicht.

          Die Qualität seiner im Kosovo gefertigten Produkte hält der Geschäftsmann für vergleichbar mit der deutschen, weshalb Liftkos nach Großbritannien und Dänemark exportiert. Die lokalen Mitarbeiter, einschließlich der Ingenieure, bezeichnet der Investor als hochqualifiziert und motiviert, die meisten sprächen Deutsch. Da im Kosovo der Euro gilt, gebe es kein Wechselkursrisiko. Lästig seien allenfalls die Wartezeiten am Zoll und die Verhandlungen mit der Verwaltung: Nach den Wahlen im Juni kam monatelang keine Regierung zustande.

          Die EU lobt die Fortschritte - außer in Sachen Kriminalität

          Das Kosovo gerät derzeit immer stärker in den Fokus, weil im Moment wesentlich mehr Menschen aus der Region flüchten als in den vergangenen Monaten. Die deutsche Bundesregierung will darauf mit schnelleren Asylverfahren reagieren. Als ein Grund für die Ausreisewelle gilt die wirtschaftliche Perspektivlosigkeit in dem kleinen Land, das 1,8 Millionen Einwohner hat, so viele wie Wien. Schon jetzt leben Tausende Kosovaren im Ausland, viele seit dem Krieg Ende der neunziger Jahre. Das Geld, das diese Migranten nach Hause schicken, vor allem aus Deutschland und der Schweiz, trägt 12 Prozent zur Wirtschaft des Zwergstaats bei.

          Die Einschätzung über die Lage in dem mehrheitlich von Albanern bewohnten Land variiert stark. Neben positiven Stimmen wie die Hemstedts gibt es viele Skeptiker. Der Fortschrittsbericht der EU-Kommission über den „potentiellen Beitrittskandidaten“ lobt zwar die Erfolge. Bei der Bekämpfung von Kriminalität und Korruption sind die Noten aber ungenügend. Ganze Branchen wie die Telekomindustrie fühlen sich düpiert, weil die Regierung Zusagen nicht eingehalten habe. „Die Vetternwirtschaft ist endemisch“, heißt es. Immerhin könnte im Herbst ein Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommen mit der EU unterzeichnet werden; ein wichtiger Schritt für die Aufnahme. Andererseits drohen durch den Abbau von Einfuhrhürden auch Schwierigkeiten, da ein wichtiger Teil des Staatshaushalts an Zöllen hängt.

          Den nackten Zahlen nach geht es dem Kosovo, das sich 2008 für unabhängig von Serbien erklärte, gar nicht so schlecht. Die Industrieproduktion hat 2014 real um 10 Prozent zugelegt. Das Bruttoinlandsprodukt ist um 5 Prozent gestiegen. Seit der Finanzkrise 2007 betrug das Wachstum mehr als 27 Prozent. Solche Werte schafft im ehemaligen Ostblock sonst nur noch das rohstoffreiche Kasachstan. „Die Dynamik ist im Kosovo besser als in anderen Ländern, aber von einer winzigen Basis aus“, sagt Mario Holzner, der zuständige Ökonom am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche WIIW. Der Durchschnittslohn etwa ist 2014 nominal um 18 Prozent gestiegen, erreicht netto aber nur 420 Euro im Monat.

          Das Pro-Kopf-Einkommen beträgt 2900 Euro im Jahr, nach Kaufkraftparitäten sind es 5800 Euro. Viele Kosovaren sind bettelarm, neuen Angaben der Weltbank zufolge muss ein Drittel der Bevölkerung mit weniger als 1,25 kaufkraftbereinigten Dollar am Tag auskommen. Das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen UNHCR sieht in der Armut denn auch den Hauptgrund für die Auswanderung. Das aber erklärt das plötzliche Anschwellen der Flüchtlingsströme in einer Zeit nicht, in der sich auch die Weltbank vorsichtig optimistisch zur wirtschaftlichen Entwicklung äußert.

          Eines der dringendsten Probleme ist und bleibt die hohe Arbeitslosigkeit. Die Quote verharrt bei 30 Prozent, 2010 waren es aber noch 45 Prozent. „Der Arbeitsmarkt verdient diesen Namen nicht, es gibt kaum produzierende Kapazitäten, die meisten Unternehmen sind Zwei-Mann-Betriebe“, weiß Holzner. Das Land hänge an den Rücküberweisungen der Auslandsalbaner, an den Staatsausgaben und an der internationalen Entwicklungshilfe. Holzner zufolge hat das Kosovo die jüngste Bevölkerung in Europa, immer mehr Personen suchten Arbeit: „Um die alle unterzubringen, müsste die Wirtschaft um 7 bis 8 Prozent wachsen.“

          Die politische Wende ist ausgeblieben

          Der Volkswirt hat im Kosovo beobachtet, dass Anstellungen im öffentlichen Dienst besonders begehrt sind, aber auf intransparente Weise vergeben werden. „Man muss die richtigen Leute in Regierung oder Partei kennen.“ Das ist komplizierter geworden, denn die Führung hat gewechselt - und auch wieder nicht. Eigentlich hatte die Demokratische Partei (PDK) des langjährigen Ministerpräsidenten Hashim Thaçi, der das Land seit der Unabhängigkeit regierte, im Juni ihre absolute Parlamentsmehrheit verloren. Die Gegner schlossen sich daraufhin zusammen, um den verkrusteten Machtapparat abzulösen. Sie brachten allerdings keine Regierung zustande.

          Nicht zuletzt auf Druck der internationalen Gemeinschaft nahm die Hängepartie im Dezember endlich ein Ende - jedoch ein für viele enttäuschendes: Thaçi schaffte es, die Demokratische Liga (LDK) aus der Opposition herauszubrechen und mit ihr eine Koalition zu bilden. Aber nur zu dem Preis, dass der LDK-Chef Isa Mustafa neuer Ministerpräsident wurde. Thaçi ist seitdem Juniorpartner, gilt aber weiterhin als starker Mann. Da Mustafa zuvor versprochen hatte, niemals mit Thaçi zusammenzugehen, werfen ihm viele Albaner Wortbruch vor.

          Die ersehnte Wende in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sei ausgeblieben, sagen Fachleute, zahlreiche Nutznießer verharrten auf ihren Posten. Möglicherweise habe die Enttäuschung über den ausgebliebenen Neuanfang den Auswanderungsdruck erhöht. „Anders als nach den Wahlen erhofft, kommen die neuen Kräfte nicht zum Zug“, sagt WIIW-Experte Holzner, „das drückt die Stimmung.“ Auch gibt es neue Reibereien mit den Serben, sowohl im eigenen Land als auch auf zwischenstaatlicher Ebene. Zuletzt wurden im Januar bei gewalttätigen antiserbischen Protesten in Prishtina 80 Personen verletzt.

          Weitere Themen

          Trump verrechnet sich im Handelskrieg

          Zusatzzölle : Trump verrechnet sich im Handelskrieg

          Die vom amerikanischen Präsidenten verhängten Zölle hatten nicht die Wirkungen wie von ihm erhofft. Zu diesem Ergebnis kommt die Bundesbank in einem neuen Bericht. Für viele seiner Wähler ist das eine schlechte Nachricht.

          Topmeldungen

          5:0 gegen Schalke : Die Bayern blasen zur Jagd auf Leipzig

          Die Münchner erteilen Schalke eine Lehrstunde und kommen Spitzenreiter Leipzig, der sein Spiel in Frankfurt verliert, nah. Die Bayern indes siegen imposant – auch weil der Torwart der Königsblauen zwei Mal patzt.
          Demonstranten in Leipzig

          Sechs Polizisten verletzt : Wieder Krawall in Leipzig

          Etwa 1300 Menschen demonstrieren in Leipzig gegen das Verbot einer linksextremen Online-Plattform. Zunächst bleibt der Protest friedlich, dann fliegen Steine. Die Polizei kesselt die Demonstranten ein, sechs Beamte werden verletzt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.