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Immobilien in Schanghai : Astronomische Preise für zugige Apartments

Teuer und oft dürftig: Immobilien in Schanghai Bild: AP

Trotz ihres oft dürftigen Zustands gelten Schanghais Immobilien als die teuersten auf dem chinesischen Festland. Und die Preise steigen ungebremst. Ökonomen fordern neue Steuern und Haltefristen für Immobilien, damit sich Spekulationen nicht mehr lohnen. Sonst droht die Blase zu platzen.

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          Wang Yiding hat einen astronomischen Preis für sein Büro gezahlt und kann trotzdem nicht in Ruhe arbeiten. Es zieht durch die Fenster, Kälte oder Hitze dringen durch das ungedämmte Mauerwerk. Aus einem oberen Stockwerk hört man den Lärm von Hämmern und Bohrmaschinen. "Ein Quadratmeter kostet umgerechnet 3000 Euro", sagt Wang, dessen Arbeitszimmer in einem unauffälligen Wohnkomplex von Schanghai-Puxi liegt, "trotzdem gibt es weder Schall- noch Wärmeisolierung." Die Klimaanlage, die im Sommer kühlen und im Winter heizen soll, arbeitet mit wenig Erfolg. "Die Energieverschwendung ist enorm", klagt Wang, der China-Repräsentant der Internationalen Vereinigung für Energieerhaltung und Umweltschutz (IEEPA).

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin

          Trotz ihres oft dürftigen Zustands gelten Schanghais Immobilien als die teuersten auf dem chinesischen Festland. Durchschnittlich kostet ein Quadratmeter fast 22 000 Yuan (2400 Euro), in Peking sind es 17 000 Yuan. Während in ganz China der mittlere Wohnungspreis zwölfmal so hoch ist wie ein durchschnittliches Haushaltseinkommen, beträgt das Verhältnis in Schanghai 1 zu 20. Selbst in teuren Metropolen wie Tokio sind die Preise nur achtmal so hoch wie die Einkommen.

          In China wird die Teuerung derzeit von einem 400 Milliarden Euro schweren Investitionspaket und der Flutung der Kreditmärkte getrieben. Mit beidem will die Regierung die Wirtschaftskrise bekämpfen, heizt aber Inflation und Spekulationen an. Selbst die Führung verschließt davor nicht länger die Augen. Vor dem Nationalkongress kündigte Premierminister Wen Jiabao jetzt an, "den Kauf von Wohnungen zu Spekulationszwecken" einzudämmen. "Dem zu schnellen Preisanstieg muss entschieden Einhalt geboten werden." Umfragen zufolge halten mehr als drei Viertel der Chinesen Wohnraum für unbezahlbar. Er wisse aus eigener Erfahrung, wie eng es in einem "Schneckenhaus" zugehe, sagte Wen. Als Kind habe er mit seiner Familie auf neun Quadratmetern gewohnt.

          „Die Weltausstellung bläht den Häusermarkt gewaltig auf“

          Damit sich auch Gering- und Normalverdiener eine Unterkunft leisten können, will die Regierung in diesem Jahr drei Millionen neue und 2,8 Millionen umgebaute Sozialwohnungen bereitstellen. Dafür stellt der Zentralhaushalt 63,2 Milliarden Yuan (6,9 Milliarden Euro) bereit, 15 Prozent mehr als im Jahr 2009. Um den Markt abzukühlen, haben die Behörden soeben 78 Staatsunternehmen untersagt, Immobiliengeschäfte abzuwickeln. Zuvor hatte man schon Steuervergünstigungen beim Häuserverkauf sowie Zinsabschläge zur Finanzierung von Zweitimmobilien abgeschafft. Die Eigenmittelanteile wurden heraufgesetzt, Banken zur Kreditzurückhaltung angewiesen. Bisher allerdings haben alle diese Versuche wenig gefruchtet. Selbst offiziellen Zahlen zufolge sind die Wohnungspreise im Februar gegenüber dem Vorjahresmonat um 10,7 Prozent gestiegen, so stark wie seit fast zwei Jahren nicht.

          Wahrscheinlich war die Zunahme in Wirklichkeit noch höher. Anfang des Monats musste der Chef des Statistikamts zugeben, dass seine Zahlen die Preisentwicklung nur unzureichend abbildeten. Wang Jianmao, Professor für Volkswirtschaft an Chinas führender Businessschule CEIBS in Schanghai, nennt die offiziellen Daten denn auch eine "harmonisierte Statistik" - ein Seitenhieb auf das Staatsziel einer "harmonischen Gesellschaft". Während die Behörden für 2009 einen Anstieg der Immobilienpreise um nur 1,5 Prozent auswiesen, hat der Wissenschaftler eine Steigerung um fast 24 Prozent errechnet. "Das ist der höchste Zuwachs aller Zeiten", sagt er. In Schanghai treibe die Weltausstellung, die im Mai beginnt, die Kosten zusätzlich in die Höhe. "Wie die Olympischen Spiele in Peking, so bläht in Schanghai die Expo den Häusermarkt gewaltig auf", sagt Wang Jianmao.

          Eine Grundsteuer gibt es bislang nicht

          Der Professor gilt als einer der wichtigsten Warner vor überhitzten Märkten. "Die Spekulationen sind die größte Gefahr für unsere Wirtschaft", sagt er. "Falls wir nicht schnell etwas unternehmen, platzt die Blase und reißt die Wirtschaft mit sich." Als abschreckende Beispiele verweist er auf Japan oder die Vereinigten Staaten. Um gegenzusteuern, empfiehlt der Ökonom die Einführung einer Kapitalertragsteuer auf Aktien und Immobilien. Die Haltefrist für Immobilien müsse zehn oder zwanzig Jahre betragen. Wer vorher verkauft, soll kräftig zur Kasse gebeten werden - so stark, dass sich Spekulationen nicht mehr lohnen.

          Wang Jianmao steht mit dieser Meinung nicht allein. Auch die Weltbank fordert in ihrem neuen Quartalsbericht die Einführung einer solchen Gewinnsteuer. Andere Stellen und weite Teile der Öffentlichkeit verlangen eine Grundsteuer, die es bisher nicht gibt. Davon erwarten sie, dass leere Gebäude und unbebaute Flächen nicht länger als Spekulationsobjekte taugen. Die Weltbank spricht sich zudem für eine Korrektur der kommunalen Finanzierung aus: Viele Gemeinden bezögen den Großteil ihrer Einnahmen aus dem Landverkauf, weshalb sie an steigenden Preisen interessiert seien. Besser wäre es, ihre Beteiligung am Steueraufkommen zu erhöhen. Tatsächlich verkauften nach Angaben der Zentralregierung die Städte und Kommunen 2009 rund 200 000 Hektar Boden. Damit erlösten sie einen Rekord von fast 180 Milliarden Euro, was einem Drittel des Gesamtmarkts entsprach.

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