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Im Porträt: Michael Sommer : Der Neinsager

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Schrieb seine Diplomarbeit im Jahr 1979 über die „Privatisierung des Postpaketdienstes”: Michael Sommer Bild: Franka Bruns

In den frühen neunziger Jahren zählte Michael Sommer zu den Hoffnungsträgern im Gewerkschaftslager. Dann hat er sich für die Rolle als Anführer der Betroffenheitsfraktion entschieden. Seit Jahren verliert der DGB nun stetig Mitglieder. Der Vorsitzende trägt daran zumindest Mitschuld.

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          Es ist nicht gerade aufbauend, einer Organisation vorzusitzen, die immer mehr an Bedeutung und stetig auch an Mitgliedern verliert. Und die zudem im gesellschaftspolitischen Diskurs immer weniger Gehör findet. Auch in diesem Januar muss Michael Sommer, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), einen Rückgang der Mitgliederzahl in den angeschlossenen Gewerkschaften zur Kenntnis nehmen. Es wäre ungerecht, dies dem in diesen Tagen 56 Jahre alt gewordenen gebürtigen Rheinländer mit sehr starken Berliner Wurzeln allein anzulasten. Denn die Aufgabe Sommers, der die Dachorganisation der deutschen Gewerkschaftsbewegung seit Mai 2002 führt, ist es nicht, Mitglieder direkt zu werben. Doch könnte ein kommunikativer und Gestaltungswillen zeigender DGB-Vorsitzender Zweifler in der Arbeitnehmerschaft von der Abkehr von der Gewerkschaft abhalten.

          Doch Sommer, der in den frühen neunziger Jahren - während seiner Zeit als Mitglied des Geschäftsführenden Hauptvorstandes der in Verdi aufgegangenen Deutschen Postgewerkschaft (DPG) - zu den Hoffnungsträgern und Andersdenkern im Gewerkschaftslager zählte, hat sich für eine andere Rolle entschieden. Grau in seiner Wirkung, hat er seine Rolle als verbissener Verteidiger von Positionen eingenommen, die selbst in großen Teilen der Mitgliedsorganisationen nur noch höchst halbherzig verteidigt werden. Seit dem Ausscheiden von Ursula Engelen-Kefer, seiner ehemaligen Stellvertreterin, im Mai 2006 nimmt er mehr und mehr deren Rolle als Anführer der Betroffenheitsfraktion ein.

          Sommer bleibt beharrlich stehen

          Dies fällt umso mehr auf, als nun auch in der IG Metall gestaltungswillige Gewerkschafter gegen Vertreter der Betonfraktion die Meinungsführerschaft übernommen haben. Nur Sommer bleibt beharrlich stehen, verteidigt Mindestlöhne als Notwendigkeit, während die IG Metall oder Hubertus Schmoldt von der IG BCE sie als mögliches Instrument in schlecht organisierten Branchen sehen. Die Gefahr, damit langfristig die Tarifautonomie zu Grabe zu tragen, sieht der studierte Politologe, der seine Diplomarbeit 1979 zum Thema „Privatisierung des Postpaketdienstes“ schrieb, nicht.

          Der Sohn einer Kriegerwitwe hält fast trotzig an seinem Gesellschaftsbild fest. Es lautet verkürzt gesagt so: Dem Treiben des seelenlosen Finanzkapitals müsse Paroli und dem brutalen Kapitalismus Einhalt geboten werden. Unternehmen, die Stellen verlagern, Löhne drücken und Arbeitnehmer rechtlos machen wollten, müssten in die Schranken gewiesen werden, notfalls mit Gewalt: mal durch Ausbildungsabgabe, mal durch Mindestlohn. Das Geld, das den Staatskassen fehle, solle bei den Unternehmern eingetrieben werden. Diese Positionen reichten bei seiner Wiederwahl - trotz erwiesenen aufreibenden Kampfs gegen Schröders „Agenda 2010“ und seiner Niederlage - nur noch zu 78 Prozent im Jahr 2006. Zu seinem Amtsantritt vor bald sechs Jahren waren es stattliche 94 Prozent, die einen Vorschuss darstellten.

          Seit Jahren stockt die DBG-Reform

          Und dieser Rückhalt bei den eigenen Leuten ist weiter gesunken. Intern beklagen Funktionäre das trotzige, bisweilen besserwisserische Auftreten des DGB-Vorsitzenden. In einem Gespräch über hohe oder zu hohe Managergehälter verweigerte er kürzlich beleidigt Auskunft, ob er bei der Bemessung der Bezüge des Telekom-Vorstandsvorsitzenden René Obermann als Aufsichtsratmitglied widersprochen habe, und berief sich auf die Verschwiegenheitspflicht. Andere führende Gewerkschafter in Aufsichtsräten haben sich jüngst durchaus selbstkritischer geäußert. Häufig beleidigt schauend, spricht er lieber Altbekanntes in die seltener hingehaltenen Mikrophone. Das Glück des DGB ist, dass auch das Arbeitgeberlager Kommunikationsschwierigkeiten hat.

          Aber dies alles allein dem Liebhaber klassischer Musik anzulasten greift zu kurz. Ein starker Vorsitzender war von vielen größeren Einzelgewerkschaften nicht gewollt. Auch deshalb entschied man sich unter der Führung der IG Metall im Jahr 2002 für Sommer.

          Seit Jahren stockt die überfällige DBG-Reform. Und der Amtsinhaber vermittelt den Eindruck, als störe ihn das nicht. Ein potentieller Nachfolger ist auch nicht in Sicht. Allerdings müsste für Sommer dann eine andere Verwendung gefunden werden. Das scheint schwierig, weil er - bestärkt von seiner Frau, einer Schriftstellerin - keine andere adäquate Verwendung für sich sieht. Denn eine hauptamtliche Tätigkeit in einer internationalen Arbeitnehmerorganisation steht wie anderes nicht zur Debatte. Deshalb ist Neues vom DGB in den kommenden zwei Jahren nicht zu erwarten.

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