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Im Gespräch: Vermögensforscher Thomas Druyen : „Reichtum ist uns suspekt"

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Thomas Druyen: „Bei Reichen heißt es: Woher haben sie ihr Geld?”” Bild:

Die Deutschen haben keinen gesunden Maßstab dafür, wer wie viel verdienen sollte, sagt Thomas Druyen von der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien. An der Neidkultur seien die Reichen aber nicht ganz unschuldig.

          „Die Deutschen haben eine sehr ungesunde Vermögenskultur“, sagt Thomas Druyen, Soziologe und Vermögensforscher an der Wiener Sigmund-Freud-Privatuniversität. Im F.A.Z.-Interview spricht er über den finanziellen Neid auf Nachbarn und Kollegen und warum wirtschaftlicher Erfolg hierzulande hinter verschlossener Tür gefeiert wird.

          Herr Druyen, die Bundesregierung sagt, ein Single mit einem Monatsnettoeinkommen von 3418 Euro sei reich. Sehen Sie das auch so?

          Die Grenze ist an Absurdität nicht zu überbieten. Wo bleiben dann Millionäre oder Milliardäre? Ich sage: Wer 3 Millionen Euro auf dem Konto hat, ist reich. Wer die Summe gut anlegt, kann von den Zinsen leben, ohne zu arbeiten. Mit 30 Millionen Euro bin ich sehr reich, mit 300 Millionen superreich.

          Heißt Reichtum, dass man nicht arbeiten muss?

          Es gibt keine allgemeingültige Definition für Reichtum, es ist ein stark subjektiver Begriff. Aber in der Tat ist die Auffassung weit verbreitet, dass reich ist, wer nicht arbeiten muss - egal, wie viel Geld er hat. In der älteren Generation überwiegt die Vorstellung, dass ein „Millionär“ reich ist, also jemand, der eine Million auf dem Konto hat.

          Wenn Reichtum ein relativer Begriff ist, wieso messen Sie ihn in absoluten Zahlen? Muss man ihn nicht im Verhältnis zum Durchschnittseinkommen einer Gesellschaft sehen?

          Nur weil jemand doppelt so viel verdient wie seine Mitbürger, ist er nicht reich. Man darf den Begriff nicht völlig lösen aus dem Verständnis, den ihm die Gesellschaft beimisst. Auch der Lebensstandard der jeweiligen Schicht spielt eine Rolle. Um die Vermögenskultur zu erforschen, braucht man ein Koordinatensystem, daher die 3 Millionen Euro.

          Haben Reiche ein schlechtes Image?

          Reichtum ist den Deutschen suspekt. Wir haben eine sehr verquere Vorstellung davon, welche Leistung welches Einkommen rechtfertigt. Wir gönnen jedem Fußballer seinen Reichtum, aber nicht Unternehmern, die mit einer guten Geschäftsidee ein Vermögen anhäufen. Das ist eine sehr ungesunde Vermögenskultur: Wirtschaftlicher Erfolg wird hinter verschlossener Tür gefeiert.

          Über die Partys der Reichen wird doch ausführlich berichtet.

          In der Tat werden Exzesse groß thematisiert, das soziale Engagement vieler Vermögender dafür zu wenig. Daran sind sie auch selbst schuld, weil sie, wenn überhaupt, im Verborgenen spenden. Ihre Bereitschaft, etwas von ihrem Glück und Erfolg an die Gesellschaft zurückzugeben, ist auch schwächer ausgebildet als etwa in den Vereinigten Staaten. Würden wir offener und positiver mit Vermögen umgehen, wäre das Mäzenatentum bei uns stärker ausgeprägt.

          Ist nicht Armut das größere Tabu?

          Auf keinen Fall. Das zeigt sich schon daran, dass die Medien Armut oft zeigen, ohne zu fragen, ob und warum jemand beruflich gescheitert ist. Anders bei Reichen. Hier heißt es: Woher haben sie ihr Geld? „Verdienen“ sie so viel?

          Wie erklären Sie sich das?

          In Deutschland ist die Frage nach Vermögen untrennbar mit der Frage nach Umverteilung verbunden. Eine Ursache dafür ist unser Sozialsystem, das eigentlich eine große Errungenschaft ist. Seit Bismarck wurde die Verantwortung für Vermögen schrittweise aus privaten in staatliche Hände übertragen. Der Staat schöpft Reichtum ab und gibt ihn an Bedürftige weiter. Dann sagen die Reichen: Ich zahle doch so viele Steuern, warum soll ich noch spenden? Die Armen sagen: Warum werden die Reichen nicht noch mehr in die Pflicht genommen?

          Nicht nur für Reiche ist Geld ein Tabu. Viele Durchschnittsverdiener verraten auch Freunden ihr Einkommen nicht.

          Sozialneid ist immer am stärksten ausgeprägt innerhalb einer Vermögensschicht und zwischen zwei angrenzenden Schichten. Ich beneide als Angestellter mit 3000 Euro brutto im Monat nicht die Millionäre. Ich beneide Nachbarn oder Kollegen, die 4000 Euro verdienen.

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