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Im Gespräch: IG-Metall-Funktionär Detlef Wetzel : „Wir stemmen uns gegen den Billigweg"

  • Aktualisiert am

Detlef Wetzel Bild: Frank Röth

Die Gewerkschaften gehen wieder auf die Straße. Das Motto: Gute Arbeit muss drin sein. Herzensangelegenheit der IG Metall ist dabei der Kampf gegen die Zeitarbeit. Kampagnen-Chef Wetzel fordert gleiche Löhne für gleiche Leistung.

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          Detlef Wetzel, zweiter Vorsitzender der IG Metall, im F.A.Z.-Gespräch über Mindestlöhne, Leiharbeit und Ludwig Erhards Vision „Wohlstand für alle“.

          Herr Wetzel, was ist für Sie eine faire Partnerschaft in der Arbeitswelt?

          Wenn gute Einkommen gezahlt werden, wenn es sichere Arbeitsplätze und gute Arbeitsbedingungen gibt. Am Ende müssen die Interessen der Beschäftigten genauso zum Tragen kommen wie die der Arbeitgeber.

          Gar nicht fair finden die Zeitarbeitgeber Ihre Kampagne gegen die Leiharbeit.

          Ich habe gar keine grundlegenden Bedenken gegenüber der Zeitarbeit, solange es die Wechselfälle des Arbeitslebens angeht: Auftragsspitzen, Krankheit, Urlaubsvertretung. Seit 2004 gibt es aber einen Funktionswandel. Es werden zunehmend Stammarbeitsplätze ersetzt, und es wird ein Niedriglohnsektor etabliert. Das ist nicht unser Bild einer Arbeitsgesellschaft, dass wir Stamm- und Randbelegschaften haben, dass wir Arbeitnehmer zweiter Klasse etablieren, die die gleiche Leistung erbringen, nur eben deutlich schlechter bezahlt werden. Deswegen gehen wir diese Konfrontation mit den Zeitarbeitgebern ein. Aber der wirkliche Verursacher ist der Einsatzbetrieb. Der bestimmt die Bedingungen. Der schreibt Leiharbeit aus und nimmt den Billigsten.

          Deshalb hat die IG Metall mit 200 Betrieben Vereinbarungen über eine gleiche Bezahlung von Zeitarbeitern und Stammbelegschaft getroffen. Wie passt das zu dem Zeitarbeits-Tarifvertrag? Und zu dem geforderten Mindestlohn?

          Wir wollen erstens den Mindestlohn als absolute Untergrenze, wir wollen unsere Flächentarifverträge mit dem Interessenverband deutscher Zeitarbeitsunternehmen und dem Bundesverband Zeitarbeit weiterentwickeln, und wir wollen in möglichst vielen Firmen Equal-Pay-Vereinbarungen. Wenn Leiharbeit stattfindet, dann nur unter diesen Bedingungen.

          Wenn einige Unternehmen solche Vereinbarungen unterzeichnen, wird es eine Drei-Klassen-Arbeitnehmerschaft geben aus Festangestellten, Zeitarbeitern mit und ohne Anspruch auf gleiche Bezahlung. Führt das zu einer besseren Welt?

          Wenn ein Zeitarbeiter zehn Einsatzorte im Jahr hat, und er bekommt an zweien 5 Euro mehr in der Stunde, dann ist das für ihn sehr wohl eine hervorragende Verbesserung.

          Hat sich in der IG Metall schon herumgesprochen, dass Zeitarbeiter gleichberechtigt zur Kundschaft gehören sollen?

          Nein. Aber wir setzen uns im Rahmen dieser Kampagne dafür ein, dass unsere Betriebsräte die Leiharbeiter auch als Klientel begreifen. Natürlich ist diese Sensibilität noch nicht flächendeckend in der Organisation vorhanden, aber wir versuchen, auch die Leiharbeitskollegen in die betriebliche Interessenvertretungsarbeit hineinzunehmen. Seit Anfang des Jahres haben wir schon 3500 Zeitarbeiter als neue Mitglieder gewinnen können. Für die IG Metall ist es keine Position zu sagen, es ist gut, wenn der Leiharbeiter gehen muss und nicht die Stammbelegschaft. Wir möchten, dass gar keiner gehen muss. Dass gleiche Arbeit und gleiche Leistung gleich bezahlt werden, ist doch so etwas wie ein abendländisches Kulturgut!

          Die Arbeitgeber sagen aber, sie können ihre Leiharbeiter nicht gleich entlohnen, weil sie weniger produktiv seien.

          Wenn wir sagen, gleiche Arbeit und gleiche Leistung für gleiches Geld, dann sagen wir auch, dort, wo nicht die gleiche Leistung vorhanden ist, gibt es auch nicht das gleiche Geld. Wir haben nie etwas anderes behauptet. Fakt ist aber, dass ein hoher Anteil der Zeitarbeit an- und ungelernte Tätigkeiten betrifft. Da gibt es keinen Produktivitätsunterschied zwischen einem Arbeiter, der seit fünf Jahren in der Fließfertigung beschäftigt ist, und einem, der einen Tag dabei ist. Das ist nur ein Argument, um davon abzulenken, dass die Unternehmen einen Niedriglohnsektor etablieren und schlecht bezahlte Leiharbeit als Massenphänomen in die Betriebe rein bekommen wollen.

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