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Im Gespräch: IG-Metall-Chef Berthold Huber : "Wir brauchen einen Marshallplan für Griechenland"

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In weniger als zwei Wochen beginnt in Karlsruhe der Gewerkschaftstag der IG Metall. Berthold Huber führt die IG Metall seit vier Jahren und tritt in Karlsruhe abermals an. Die Kanzlerin und der Bundespräsident werden den Metallern ihre Aufwartung machen. Bild: Helmut Fricke

Südeuropa benötigt internationale Hilfe. Nicht nur Geld, sondern auch industriepolitische Perspektiven, sagt der Chef der größten Gewerkschaft Europas mit fast 2,3 Millionen Mitgliedern.

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          An diesem Donnerstag stimmt der Bundestag über den erweiterten Euro-Rettungsschirm ab. Sind Sie für das Paket?

          Welche Alternative haben wir? Es gibt zwar die Debatte über einen Nord- und einen Süd-Euro und darüber, dass Griechenland ausscheren oder seine Inseln verkaufen soll. Aber das ist Unfug. Ich will daran erinnern: Das deutsche Wirtschaftswunder nach 1945 gab es nur, weil zwei Dinge funktioniert haben: der Marshallplan und das Londoner Schuldenabkommen mit einem Schuldenerlass von 50 Prozent und niedrigen Zinssätzen. Wir brauchen auch eine Art Marshallplan für Griechenland.

          Und einen Schuldenschnitt?

          Ja. Anders wird das Land nicht von seinen Schulden runter kommen. Es gibt dort bisher keine vernünftige Steuerverwaltung. Das ist doch absurd. Wenn man in Griechenland die Pools aus der Luft fotografieren muss zur Steuererfassung, kann man nur sagen: Entschuldigung - warum kommen die Gauner und die Betrüger davon? Das ist ungerecht. Wir akzeptieren nicht, dass die normalen Leute in Griechenland, nachdem sie ohnehin schon für die Krise zahlen mussten, das jetzt auch noch zahlen sollen.

          Wie erklären Sie einem deutschen Metallarbeiter mit 2180 Euro brutto im Monat Ihre Solidarität mit streikenden Gewerkschaften in Griechenland?

          Die größte Empörung, zu der ich fähig bin, ist die, dass die Verursacher dieser Krise bis dato überhaupt nicht beteiligt wurden an den Kosten. Nicht in Deutschland und nicht anderswo. Das würde ich dem Metallarbeitnehmer sagen. Ich bin enttäuscht, weil nicht umgesetzt wurde, was am Anfang der Krise von der Politik vollmundig versprochen wurde.

          Was zum Beispiel?

          Eine Finanztransaktionssteuer, eine europäische Ratingagentur oder die Abspaltung der Investmentbanken. Stattdessen hat man schnell auf Abwarten gesetzt. Wenn ich etwas gelernt habe, dann das: Mach's am Anfang, schnell und rücksichtslos. Finanzminister Wolfgang Schäuble sagt wenigstens, dass wir eine Finanztransaktionssteuer brauchen. Er macht einen guten Job.

          Das kann er auch entspannt sagen, weil diese Steuer global nicht kommen wird.

          Er hat zuletzt ausdrücklich gesagt, dass man das auf Ebene der Währungsunion anpacken muss. Das nehme ich ihm ab. Denn die Politik steckt ja auch in einer Legitimationskrise gegenüber dem von Ihnen angesprochenen Metallarbeiter.

          Schön, dass sie den noch mal erwähnen. Die hohe Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland haben unter anderem die Beschäftigten durch Lohnzurückhaltung ermöglicht. Nun wird Deutschland international dafür kritisiert. Sind wir zu wettbewerbsfähig?

          Nein, selbstverständlich ist die Produktivitätsentwicklung das A und O. Zudem will ich festhalten: Wir haben seit 2007 sichere Arbeitsplätze und kräftige Tariferhöhungen kombiniert. Das eigentliche Problem ist der wachsende Niedriglohnsektor. Was mir mit Blick auf den Süden Europas viel mehr Sorgen macht. ist die Frage, mit welcher Wertschöpfung beispielsweise die griechische Wirtschaft aus dem Tal herauskommen kann. Sie können nirgendwo etwas drüberstülpen, wo nichts ist. Wir brauchen deshalb einen industriepolitischen Dialog darüber, wie der Süden Kompetenzen aufbauen kann. Eine Möglichkeit könnten regenerative Energien sein.

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