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Im Gespräch: FDP-Generalsekretär Christian Lindner : „Mit 32 kann man nicht Vorsitzender werden“

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Christian Lindner (32): Über seinem Sofa thronen die liberalen Vordenker Friedrich A. von Hayek und Ralf Dahrendorf Bild: Julia Baier

Christian Lindner will Chefideologe einer neuen FDP werden. Seine marode Partei braucht nicht nur Personal, sondern auch Ideen. Im F.A.S.-Gespräch spricht er über den Philosophen David Hume, Griechenland und seine Rolle als Klassensprecher der FDP.

          8 Min.

          Herr Lindner, alle reden über Birgit Homburger und Rainer Brüderle. Wir wollen lieber über David Hume reden, den großen liberalen Schotten, der vor 300 Jahren geboren wurde. Warum macht die FDP so wenig aus ihrem liberalen Erbe?

          Ich sehe die FDP in dieser Tradition. Das Vertrauen auf den Einzelnen, die Ablehnung von anmaßender Obrigkeit und Bevormundung, die Freude an Leistung - das alles ist präsent. In Deutschland steht das Staatsdenken eines Hegel aber höher im Kurs als die Freiheitsidee eines Hume. Das ist unsere Herausforderung.

          Wie viele FDP-Leute wissen wohl, wer David Hume war?

          Wie viele CDU-Leute kennen zum Beispiel Oswald von Nell-Breuning, wie viele SPD-Leute Ferdinand Lassalle? Wichtiger ist, dass nachwirkt, wofür Hume und andere stehen.

          Ein Klassiker des Liberalismus: Der schottische Moralphilosoph David Hume
          Ein Klassiker des Liberalismus: Der schottische Moralphilosoph David Hume : Bild: ASSOCIATED PRESS

          David Hume, für Sie ein Held?

          Ein Klassiker.

          "Bleib nüchtern und vergiss nicht, skeptisch zu sein", sagt Hume: Vielleicht ist es ja liberal, keine Helden zu haben?

          Zum Liberalismus gehört die Skepsis, auch gegenüber der eigenen Tradition. Die Ahnung davon, dass der Andersdenkende vielleicht doch ein kleines bisschen recht haben könnte.

          Wofür also steht David Hume?

          Er war ein Vertreter der Aufklärung, der zugleich verstanden hat, dass der Mensch nicht nur ein rationales Wesen ist, sondern dass er auch Begierden hat.

          Verabschiedet sich jetzt auch die FDP vom ökonomisch-rationalen Menschenbild?

          Wir waren ja bei Hume, der schon damals den ganzen Menschen gesehen hat. Er hat wie wir trotzdem auf Einsichtsfähigkeit gesetzt. Eine Freiheitsordnung entmündigt niemanden. Bevormundung würde die Freiheitsfähigkeit beschränken. Dann verlieren Menschen irgendwann auch die Freiheitswilligkeit.

          Das wäre Dekadenz?

          Ich würde lieber von Paternalismus sprechen, also das Gegenteil von Humes Freiheitsidee.

          Nennen Sie ein paar Beispiele.

          Nehmen Sie zum Beispiel das Verkaufsverbot von alkoholischen Getränken aus Jugendschutzgründen auch für Erwachsene an Tankstellen. Oder das Rauchverbot . . .

          . . . ein Paternalismus, den auch die FDP betreibt . . .

          . . . da ist der Unterschied doch, ob man zum Beispiel einen Nebenraum in Gaststätten erlaubt, wo Raucher niemanden stören. Aber damit wir uns nicht falsch verstehen, der politische Liberalismus erschöpft sich sicher nicht im Rauchverbot.

          Was halten Sie von einem liberalen Paternalismus, der zurzeit en vogue ist? Wenn es langfristig in unserem Sinne ist, nicht zu rauchen, müssten wir dankbar sein, wenn uns jemand rechtzeitig daran hindern würde.

          Und wer entscheidet das für mich? Ein wohlmeinender Beamter? Bei Kindern mag Paternalismus angebracht sein. Erwachsene sind aber in der Lage, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.

          Die haben ein Recht, in ihr Unglück zu gehen?

          Die haben ein Recht zu entscheiden, was sie als ihr Glück oder Unglück betrachten, solange sie nur sich selbst schädigen können. "Hör nicht so laut Musik, das ist schlecht für die Ohren", hat meine Mutter immer gesagt: "Und geh' früher ins Bett." Einer erfolgreichen Erziehung folgt eines Tages die Einsicht.

          Was die Mutter sich herausnahm, darf der Staat sich nicht erlauben?

          So ist es.

          Also Laissez-faire?

          Ein liberaler Staat folgt keinem Laissez-faire. Die liberale Gleichung ist schlicht: Mehr Freiraum gleich mehr Verantwortung. Die Grenze ist da, wo einer seine Qualifikationen nicht entwickelt und dann, quasi als Trittbrettfahrer, auf Kosten der Allgemeinheit lebt. Wer ein Leben lang am Hauptbahnhof Balalaika spielt, kann vom Staat keine Rente erwarten, hat Franz Müntefering einmal gesagt. Liberale sagen: Spiel ruhig, aber trage dann die Konsequenz.

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