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Im Gespräch: Bahn-Chef Rüdiger Grube : „Das Verkehrsministerium will Stuttgart 21 blockieren“

  • Aktualisiert am

Bahnchef Grube will im Oktober über Preiserhöhungen entscheiden Bild: dpa

Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn spricht im F.A.Z.-Interview über Pflichten der grün-roten Landesregierung, pünktliche Züge und den Preis der Energiewende.

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          Herr Grube, der Protest gegen den geplanten Tiefbahnhof in Stuttgart ist leiser geworden. Wird die Deutsche Bahn „Stuttgart 21“ in Ruhe bauen können?

          Wir sehen, dass die Zustimmung in der Bevölkerung deutlich wächst. In Stuttgart sind jetzt 60 Prozent für das Projekt, in Baden-Württemberg 51 Prozent. Die Schlichtung und der Stresstest haben viele Skeptiker überzeugt. In allen Umfragen sind die Gegner mittlerweile klar in der Minderheit.

          Also haben große Infrastrukturprojekte in Deutschland noch eine Chance?

          „Stuttgart 21“ ist eine Art Lackmustest. Die stabile wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland ist kein Selbstläufer. Unternehmen machen ihre Standortentscheidungen vielfach abhängig von der Qualität der Energie- und Verkehrsinfrastruktur. Deshalb müssen wir hier weiter investieren. Diese Botschaft muss in der Bevölkerung ankommen. Allein schon die Debatte um „Stuttgart 21“ hat ausländische Investoren nachdenklich gemacht - und manche sogar von einem Engagement hierzulande abgeschreckt. Wir dürfen keine Angst haben vor moderner Infrastruktur. Sonst katapultieren wir uns selbst aus der ersten Liga der erfolgreichen Wirtschaftsnationen heraus.

          Heißt „keine Angst“, dass die Bagger in Stuttgart bald rollen?

          Ich will nicht provozieren, sondern deeskalieren. Aber die Bahn muss auch vertraglich vereinbarte Termine und Qualitätsversprechen einhalten. Wir können den Abriss des Südflügels des alten Bahnhofs noch um ein Vierteljahr verschieben, ohne ganz aus dem Zeitplan zu fallen. Das heißt aber auch klar: Wenn die Volksbefragung bis dahin nicht kommen sollte, müssen wir mit dem Abriss beginnen. Wir können dann das Gesamtprojekt nicht weiter verzögern.

          Die Grünen mauern weiter gegen „Stuttgart 21“, mit Verkehrsminister Winfried Hermann an der Spitze. Können Sie das Milliardenprojekt ohne Unterstützung der grün-roten Landesregierung bauen?

          Ich erwarte vom Land, dass es seiner Projektförderpflicht nachkommt, und das fordern wir in aller Konsequenz auch ein. Solch ein großes Projekt kann man nicht realisieren, wenn der wichtigste Partner nicht mitzieht. Denn wir müssen jeden Tag mit den Landesministerien und Fachbehörden zusammenarbeiten. Im Verkehrsministerium sitzen aber jetzt Leute aus dem Aktionsbündnis und Parkschützer, die nichts anderes tun, als uns Steine in den Weg zu legen und durch taktische Verzögerungen den Bau zu blockieren.

          Können Sie die Aussage halten, dass die Kosten unter der Schallmauer von 4,526 Milliarden Euro bleiben werden?

          Heute sind wir unter dieser Schallmauer. Aber ich habe immer deutlich gesagt: Man kann so ein Vorhaben nicht auf zehn Jahre im Voraus auf Heller und Pfennig kalkulieren, zumal es Preis-Gleitklauseln gibt, zum Beispiel für Stahl. Die Kalkulationen werden ständig aktualisiert, das nächste Mal zur Sitzung des Lenkungskreises am kommenden Freitag. Das Land kann übrigens auch nicht einfach aussteigen, wenn es teurer wird. In einem solchen Fall müssen sich die Partner zusammensetzen und beraten. Das steht so im Vertrag. Wenn es neue Risiko- oder Kostenschätzungen geben sollte, wird die Bahn das nicht verschweigen, schon gar nicht vor der Volksabstimmung. Wir werden die Fakten auf den Tisch legen, denn wir werden glaubwürdig bleiben.

          Vom pünktlichen Bauen zum pünktlichen Betrieb: Sie wollen die Pünktlichkeit Ihrer Fern- und Nahverkehrszüge im Internet veröffentlichen. Kann das nicht ein Eigentor werden, wenn sich das Winterchaos der vergangenen Jahre wiederholt?

          Wenn wir davon ausgehen würden, dass das ein Eigentor wird, hätten wir uns den Ball dort nicht hingelegt. Wir haben nichts zu verbergen, schon gar nicht vor unseren Kunden, deshalb machen wir die Pünktlichkeit unserer Züge öffentlich. Transparenz ist Teil unserer Kundenoffensive. Die Zahlen daher werden künftig immer zur Mitte eines Monats im Internet stehen.

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