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Illegale Aktivitäten : Sex, Drogen und Waffen für das BIP

Erstmals müssen sie gemäß der neuen EU-Richtlinie auch illegale Aktivitäten wie Drogen- und Zigarettenschmuggel als Wirtschaftsleistung berücksichtigen. Hier stochern die Statistiker im Nebel – beziehungsweise im Müll. Der Deutsche Zigarettenverband fischt mehr als zehntausend Zigarettenschachteln im Monat aus dem Müll und untersucht die Steuerzeichen. Nach dieser Stichprobe wird der Anteil der unversteuerten Zigaretten geschätzt. Laut dem Verband werden fast 3 Milliarden Zigaretten geschmuggelt, der Steuerschaden betrage 4 Milliarden Euro.

Die „Wertschöpfung“ des Drogenhandels

Um den Umsatz mit Drogen zu schätzen, greifen die Statistiker auf Ergebnisse des Epidemiologischen Sucht-Surveys zurück. Die Umfrage im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums unter 9000 Bürgern gibt Anhaltspunkte, wie viel illegale Drogen konsumiert werden. Dann werden die Mengen mit üblichen Schwarzmarktpreisen multipliziert, die Unkosten der Händlermafia abgezogen und schließlich eine „Wertschöpfung“ des Drogenhandels errechnet. Dabei dürfte eine Milliardensumme herauskommen. Allerdings bedeutet dies nur einen kleinen Aufschlag auf das Bruttoinlandsprodukt. Gerechnet wird mit einem Wert im Zehntel-Prozent-Bereich des BIP, das 2013 rund 2,738 Billionen Euro betrug.

Die größte Änderung in der Statistik betrifft die Berücksichtigung von Forschungs- und Entwicklungsausgaben. Aufwendungen für Forschungs- und Entwicklungsabteilungen in Unternehmen wurden bislang in der Statistik als Vorleistungen behandelt, weil sie im Produktionsprozess „untergehen“. Nun werden F&E-Ausgaben als Investitionen eingerechnet. Wissenschaftler fordern dies schon länger. Diese Neuerung wird den größten Effekt auf die BIP-Berechnungen haben. In Finnland und Schweden beträgt der F&E-Anteil am BIP rund 3,5 Prozent. Deutschland kommt auf knapp 3 Prozent. Wenig geben die südeuropäischen Länder für Forschung und Entwicklung aus, sie kommen auf nur 0,7 Prozent (Griechenland) bis knapp 1,5 Prozent (Italien und Spanien).

Im Durchschnitt aller EU-Länder wird das BIP durch die neue Methode der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung einmalig um 2,4 Prozent steigen, schätzt die europäische Statistikbehörde Eurostat. Dazu tragen vier Fünftel die F&E-Posten bei. Der angenehme Nebeneffekt: Das höher ausgewiesene BIP drückt die Schuldenquote, die nach den jüngsten Zahlen im Euroraum-Durchschnitt auf fast 94 Prozent geklettert ist. Nach einer Berechnung der Bank Société Générale dürfte die Schuldenquote durch den Statistikeffekt einmalig um 2,3 Prozent sinken. Auf eine ähnliche Größenordnung kommt das Ifo-Institut. „Die Statistikänderung geht nicht zufällig in diese Richtung“, meint dazu der ehemalige Haushaltspolitiker.

Für das höhere BIP müssen einige EU-Staaten aber auch einen Preis bezahlen: Steigt ihr Anteil an der europäischen Wirtschaftsleistung, folgt daraus eine höhere Zahlung an den EU-Haushalt. Das Brüsseler Budget enthält 112 Milliarden Euro nationale Beiträge, die überwiegend nach dem Bruttonationaleinkommen (vergleichbar dem BIP) berechnet werden. Schweden etwa zahlt 3,2 Milliarden Euro. Durch das höhere BIP wird das Land künftig einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag zusätzlich nach Brüssel überweisen müssen. Die Südeuropäer dürften dagegen weniger zahlen.

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