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IG Metall : „Die Party findet zur nächsten Tarifrunde statt“

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Oliver Burkhard Bild: dpa

Im September beginnt die Stahl-Tarifrunde. Oliver Burkhard will als Verhandlungsführer der IG Metall das Ende der Bescheidenheit einläuten. Im Gespräch mit der F.A.Z. sagt er, dass nun erstmals seit der Krise wieder das Thema Geld, nicht das Thema Beschäftigung im Mittelpunkt stehe.

          Die Unternehmen feiern Bilanzpartys, aber die Arbeitnehmer feiern nicht mit. Was tun die Gewerkschaften dagegen?

          In der Tat kann man bei dem ein oder anderen Unternehmer Partystimmung feststellen und bei uns noch nicht. Aber die Einladung ist ja auch noch nicht ausgesprochen. Die Party findet erst zur nächsten Tarifrunde statt. In der Krise haben wir zu Recht die Beschäftigungssicherung in den Mittelpunkt gestellt. Jetzt geht es uns nicht um einen Nachschlag, sondern um Fairness.

          Wird die Basis unruhig?

          Es ist nicht so, dass es richtig rumort. Aber die Betriebsräte sehen, dass es bergauf geht. Man muss allerdings ein bisschen aufpassen. Die aktuellen Veränderungsraten beziehen sich auf eine relativ niedrige Basis, auf das Frühjahr 2009, als wir den tiefsten Punkt hatten. In der Stahlindustrie merken die Leute aber schon, dass die Mehrarbeitsstunden wieder auflaufen, dass sich die Zeitkonten füllen. Ihnen wird Erhebliches abverlangt, um jetzt den Aufschwung zu schultern. Das ist auch völlig okay, nur der Aspekt Fairness darf nicht verloren gehen. Man kann nicht ein Riesenfeuerwerk der guten Nachrichten abfackeln und den Arbeitnehmern gleichzeitig sagen, Ihr haltet Euch bitte noch mal zurück, unser Aufschwung wäre sonst gefährdet.

          Die IG Metall hat im Februar einen zweijährigen Tarifvertrag abgeschlossen mit einer Nullrunde für dieses und 2,7 Prozent mehr Geld für nächstes Jahr. Passt das noch in die Zeit?

          Entscheidungen sind immer zu den Zeiten richtig oder falsch, zu denen man sie trifft. Anfang des Jahres war eine große Sorge da, dass diese Krise viele unserer Leute hart trifft und sie von der Mitte an den Rand der Gesellschaft drückt. Deshalb war Beschäftigungssicherung das, was wir tun mussten. Dieses Jahr haben wir mit Einmalzahlungen überbrückt, und im nächsten Jahr gibt es 2,7 Prozent - was ich zunächst einmal eine ordentliche Tariferhöhung finde.

          Steht ein Nachschlag für die Metall- und Elektroindustrie zur Debatte?

          Ich halte das für nicht besonders realistisch. Es würde unser Geschäft auch enorm erschweren. Zum Zeitpunkt eines Tarifabschlusses muss man sicher sein, dass das Ding steht. Die IG Metall steht zu ihren Verträgen, und das erwarten wir auch von den Arbeitgebern. Wie immer im Leben kippt es mal in die eine und mal in die andere Richtung. Wenn Sie alles in die Beliebigkeit stellen, werden wir in schlechten Zeiten auch damit konfrontiert werden, dass ein Abschluss zu hoch gewesen sei und wir davon runter müssten. Außerdem gibt es in vielen Unternehmen betriebliche Bonusleistungen, von denen ich ausgehe, dass sie in den nächsten Wochen und Monaten gezahlt werden. Wir werden in der nächsten Tarifrunde Metall die Gelegenheit haben, alles zu sortieren. Das ist jetzt ein Jahr des Übergangs. Das kann man immer sehr schön daran erkennen, dass die Zahl der Chöre zwar gleich geblieben, die Zahl der Stimmen aber sehr, sehr unterschiedlich ist.

          Wie geht es der Metall und Elektro-Branche?

          Für die Automobilindustrie kann man wirklich eine vorläufige Entwarnung aussprechen, auch wenn das strukturelle Problem noch nicht gelöst ist, was in zehn Jahren die Antwort der Zulieferer auf einen neuen Antriebsstrang sein wird. Bei den Spezialisten im Maschinenbau läuft es gut; im eher allgemeinen Geschäft merken die Firmen schon noch, dass die Aufträge im vergangenen Jahr ausgeblieben sind. Im Kraftwerksbau haben die Unternehmen gute Karten, in der Windenergie gibt es dagegen immer noch eine Finanzierungsklemme. Von einer allgemeinen Kreditklemme kann man nicht mehr sprechen. Aber die Unternehmen müssen mehr bezahlen für ihre Kredite, weil sie von den Banken auf Grundlage der Bilanzen von 2009 bewertet werden.

          Im September beginnen in Ihrem Bezirk Tarifverhandlungen für die Stahlindustrie. Läuten Sie das Ende der Bescheidenheit ein?

          Für die IG Metall ist die Stahlrunde immer etwas Besonderes. Wir reden da zwar nur noch von 85.000 Beschäftigten, aber davon sind 77.000 organisiert. Das ist unsere stärkste Branche, und natürlich wollen wir ein Zeichen setzen: Das ist die erste Tarifrunde der Nachkrisenzeit.

          Der Stahlabschluss gilt als Gradmesser für andere Tarifrunden. Sie sind also derjenige, der den Startschuss für die Zeit nach der Krise abgibt.

          Ich finde es ehrlich gesagt nicht uncharmant, jetzt diese Runde zu führen. Natürlich erteilen uns jede Menge Leute Ratschläge, besonders viel oder besonders wenig zu fordern. Das lässt uns aber ziemlich kalt. Die Stahlleute sind selbstbewusst, und ich als Verhandlungsführer bin es auch. Priorität hat dieses Mal das Thema Geld, aber wir zielen zum Beispiel auch auf einen Tarifvertrag zur Leiharbeit ab. Am 27. August werden wir unsere Forderung aufstellen, und die Botschaft lautet: Nicht Beschäftigungssicherung ist das Topthema, sondern Einkommen.

          Was werden Sie verlangen?

          Ich höre keine Forderungen nach 15 Prozent und einem Nachschlag. Aber wir wollen unseren Anteil am Aufschwung. Letztes Mal haben wir gar keine Forderung aufgestellt, das Jahr davor im größten Boom waren es 8 Prozent. Man muss kein großer Prophet sein, um zu sagen, dass es irgendwo dazwischen liegen wird. Ich denke nicht, dass irgendein Stahlunternehmen ein Interesse daran hat, es jetzt mit Warnstreiks oder gar einen dauerhaften Streik zu tun zu bekommen. Die Arbeitgeber werden uns relativ bald ordentliche Angebote machen. Und wenn sie das nicht tun, werden wir die Auseinandersetzung nicht scheuen.

          Welche Signale senden die Arbeitgeber denn aus?

          In der Stahlindustrie war es im vergangenen Jahr unser Ziel, so viele Arbeitsplätze wie möglich zu retten. Das ist uns auch gelungen, weil alle mitgemacht haben. Ich bin einigen Arbeitgebern fast schon dankbar, weil sie diese Linie gehalten haben. Sie hätten es auch anders machen können angesichts von 40 Prozent Auftragsrückgang. Aber es ist ein bisschen wie in einer Ehe - in guten wie in schlechten Zeiten. Wenn man die schlechten Zeiten gemeinsam durchlebt hat, erwarte ich, dass man in den guten Zeiten nicht um Zehntelprozentpünktchen streitet.

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