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IG-Metall-Chef Jürgen Peters : "Nur wenige Anträge auf 40-Stunden-Woche"

  • Aktualisiert am

IG-Metall Chef Jürgen Peters: Nur mit großen Bauchschmerzen Bild: dpa/dpaweb

Die 35-Stunden-Woche scheint Geschichte. Nicht für IG-Metall-Chef Jürgen Peters, dem nur wenige Anträge von Unternehmen über längere Arbeitszeiten vorliegen.

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          Die 35-Stunden-Woche scheint Geschichte. Thomas Cook, MAN, Bosch, Continental und viele andere Unternehmen in Deutschland verhandeln über längere Arbeitszeiten. Siemens hat die für zwei Werke schon vereinbart. Die Gewerkschaften haben gegen die Drohungen der Konzerne, Produktionen ins günstigere Ausland zu verlagern, kaum etwas in der Hand. Sie stimmen zur Rettung von Arbeitsplätzen der 40-Stunden-Woche zähneknirschend zu. Doch damit nicht genug: Auch die zunehmend lauter werdenden Forderungen nach Lohnkürzungen bergen Sprengstoff.

          Herr Peters, die 40-Stunde-Woche ist im Metalltarifvertrag als Ausnahme vorgesehen. Nun wird sie aber zur Regel, oder?

          Explizit nein. Wir haben an zwei problembehafteten Standorten von Siemens Abweichungen vom Tarifvertrag zugelassen, unter den Bedingungen, die wir im Pforzheimer Kompromiß festgelegt haben. Also gegen nachhaltige Beschäftigungs- und Standortsicherung und aufgrund der Zusage mittelfristiger Investitionen. Wer hier die begründete Abweichung im konkreten Fall zur Regel erheben will, der will Tarifpolitik nicht verstehen.

          Angeblich verhandeln inzwischen aber mehr als 100 Unternehmen über eine Arbeitszeitverlängerung. Bereuen Sie die Einigung mit Siemens, die offenbar eine Lawine lostritt?

          Uns liegen einige Anträge auf dem Tisch. Aber wenige. Daß es viele sein sollen, ist Wunschdenken einzelner Unternehmer, die keine Probleme haben, sondern aus rein ideologischen Gründen Druck entfalten wollen. Es sind Trittbrettfahrer unterwegs. Wir bleiben dabei: Wir regeln Einzelfälle.

          Die Unternehmen verhandeln nicht nur über längere Arbeitszeiten, sondern auch über Kürzungen von Weihnachtsgeld, Urlaubsgeld, Urlaubstagen und anderen Lohnkomponenten. Wo ist die Gewerkschaft verhandlungsbereit und wo nicht?

          Das hängt von der Problemstellung in jedem Einzelfall ab, die wir sorgfältig zu prüfen haben. Zunächst müssen alle betrieblichen Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Es muß geprüft werden, ob eine Abweichung vom Tarifvertrag überhaupt helfen kann, Beschäftigung und Standorte zu sichern. Und es muß klar sein, daß mit nachhaltigen Investitionen auch die Zukunft gesichert ist.

          Das klingt ziemlich ohnmächtig. In vielen Unternehmen steht doch längst die Drohung von Arbeitsplatzabbau und Produktionsverlagerung im Raum. Manches Unternehmen verlagert sogar die Produktion, obwohl die Gewerkschaften Entgegenkommen signalisieren. Was können Sie tun, um die Jobkonkurrenz mit den Billiglohnländern zu entschärfen?

          Wir haben nur begrenzte Handlungsmöglichkeiten. So können wir nicht die Hausaufgaben der Politik machen. Wenn es in Europa zum Beispiel nicht zu einer Harmonisierung der Mindestbesteuerung der Unternehmen kommt, dann werden Arbeitsplätze immer wieder unter Druck geraten. Es kann nicht angehen, daß die EU zuläßt, daß in Osteuropa Grundstücke umsonst angeboten und Steuern erlassen werden. Das muß dringend geändert werden.

          Die Belegschaften erhoffen sich vermutlich mehr Unterstützung. Denn für sie ist die Wahl klar: Zugeständnisse sind immer noch besser als der Verlust des Arbeitsplatzes. Wie können Sie mit Ihrer Politik überhaupt noch Arbeitsplätze in Deutschland halten?

          Wenn Belegschaften erpreßt werden, werden oftmals Zugeständnisse gemacht. Wir wollen aber nicht, daß der Tarifvertrag in das Belieben der Arbeitgeber gestellt wird. Er darf nicht als zusätzliches Konkurrenzinstrument mißbraucht werden. Deshalb müssen wir jeden Einzelfall sorgfältig auf seine Auswirkungen prüfen.

          Das hat doch mit Erpressung wenig zu tun. Sie prüfen und verhandeln - und müssen schließlich einsehen, daß Arbeit in Deutschland zu teuer geworden und zu stark reglementiert ist. Dazu haben die Gewerkschaften in den vergangenen Jahren kräftig beigetragen. Kein Wunder, daß die Firmen mit dem Umzug ins Ausland liebäugeln.

          Die Schuldigen sind nicht wir, sondern die Unternehmer. Wir werden Arbeitsplätze nicht in Deutschland halten, indem wir mit den Löhnen in China und den Arbeitsbedingungen in Indien konkurrieren, sondern indem wir unser Fachwissen verbessern, Märkte erschließen und eine intelligente Produktinnovation betreiben.

          Die Fragen stellte Holger Appel.

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