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Ifo-Studie : Forscher zweifeln Nutzen von mehr Kindergeld an

Für das erste und zweite Kind zahlt der Staat jeweils 184 Euro im Monat, für das dritte 190 Euro und für jedes weitere 215 Euro. Bild: DAPD

Der Staat lässt sich das Kindergeld jährlich etwa 39 Milliarden Euro kosten. Wissenschaftler des Münchner Ifo-Instituts haben die Wirkung nun geprüft - und raten strikt von noch mehr Geld ab.

          Eine Erhöhung des Kindergeldes ist für den Staat teuer und bringt Familien kaum etwas. Das ist das nüchterne Urteil einer Studie für die Bundesregierung, die das Münchner Ifo-Institut an diesem Montag veröffentlicht hat. „Bei der Entscheidung, Kinder zu bekommen, spielen für junge Paare rein monetäre Leistungen keine nennenswerte Rolle“, bilanzierte Studienleiter Helmut Rainer, der am Ifo-Institut den Forschungsbereich Sozialpolitik und Arbeitsmärkte verantwortet.

          Das Geld bleibt gleich, die Freizeit steigt

          Christoph Schäfer

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          In der Studie untersuchten die Wissenschaftler, wie sich die letzte erhebliche Erhöhung des Kindergeldes auswirkte. Diese war im Jahr 1996. Das Kindergeld stieg von umgerechnet mindestens 36 auf 102 Euro, der Kinderfreibetrag erhöhte sich um mehr als die Hälfte auf 3200 Euro. Trotzdem habe sich die wirtschaftliche Situation der Familien in den Folgejahren kaum verändert, schreiben die Forscher. Viele Mütter hätten ihre Arbeitszeit reduziert und aus ihrer Vollzeit- eine Teilzeitstelle gemacht. Denkbar sei, dass viele Mütter die hinzugekommene Freizeit ihrem Nachwuchs geschenkt und so das Kindeswohl gesteigert hätten, dies sei aber nicht untersucht worden. Finanziell gesehen habe die Kindergelderhöhung aber nur die Lohneinbußen wettgemacht. Lediglich alleinerziehende Mütter hätten genauso viel gearbeitet wie vorher und folglich nach der Reform mehr Geld zur Verfügung gehabt.

          Weil die meisten Mütter ihre Arbeitszeit aber reduzierten, sei die Reform für den Staat doppelt teuer geworden, fanden die Forscher heraus. Erstens habe er die Kosten des höheren Kindergelds tragen müssen. Zweitens durch die geringere Erwerbsbeteiligung der Mütter weniger Steuern und Sozialabgaben eingenommen. „Die Analyse ergibt, dass die tatsächlichen Kosten einer Kindergeldreform in etwa doppelt so hoch liegen wie die nominalen Kosten“, sagte Ökonom Rainer. Dieses Ergebnis der Studie ist brisant, da Kindergeld und Kinderfreibetrag derzeit knapp ein Drittel aller familienbezogenen Leistungen ausmachen. Die Bundesregierung gibt für beide Instrumente zusammen etwa 39 Milliarden Euro im Jahr aus.

          Fraglich ist den Forschern zufolge auch, ob ein höheres Kindergeld langfristig zu mehr Geburten führt. Die Wissenschaftler jedenfalls konnten „keine eindeutigen Effekte auf die Geburtenrate beobachten“. Junge Paare legten bei ihrer Entscheidung für ein Kind „größeren Wert auf das Angebot an Betreuungsplätzen und damit auf die Aussicht, Familie und Beruf vereinbaren zu können“.

          Kritik am Betreuungsgeld

          Trotz ihrer Kritik an einer möglichen Erhöhung des Kindergeldes plädieren die Studienautoren keineswegs für dessen Abschaffung. Dies wäre juristisch ohnehin ausgeschlossen, da das Bundesverfassungsgericht der Politik vorgegeben hat, dass das Existenzminimum jedes Menschen nicht besteuert werden darf. Im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wies Rainer zudem darauf hin, dass den Deutschen eine Kürzung des Kindergeldes kaum gleichgültig wäre. „Wenn ich einem Menschen etwas wegnehme, reagiert er völlig anders, als wenn ich ihm das Gleiche lediglich nicht erhöhe.“ Eine Kürzung des Kindergeldes „würde die Geburtenrate definitiv senken“. Zusätzliches Geld solle der Staat aber besser in den Ausbau der Kindertagesstätten investieren. Vor zwei Wochen hatte das Ifo-Institut bereits darauf hingewiesen, dass sich die öffentlich geförderte Kinderbetreuung zu 40 bis 50 Prozent von selbst finanziere und zu mehr Geburten führe.

          In ihrer Schlussbemerkung üben die Forscher auch Kritik am Betreuungsgeld. Diese neue familienpolitische Leistung wurde Ende vergangenen Jahres gegen heftige Kritik der Opposition im Bundestag verabschiedet. Ab August sollen Eltern zunächst 100 Euro und später 150 Euro im Monat erhalten, wenn sie ihr Kind im Alter von 13 bis 36 Monaten zu Hause betreuen. Den Forschern zufolge lasse das Betreuungsgeld „vergleichbare Effekte“ wie eine Kindergelderhöhung erwarten – außer höheren Kosten nahezu keine.

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