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Flüchtlingskrise : Ifo-Chef Sinn notfalls für nationale Grenzkontrollen

Geht bald in den Unruhestand: Deutschlands prominentester Wirtschaftsprofessor Hans-Werner Sinn Bild: dpa

„Eine liberale Gesellschaft gibt es nur mit Zäunen“, sagt Deutschlands bekanntester Ökonom. In einem Vortrag erklärt er, was in der Flüchtlingskrise seiner Ansicht nach falsch läuft.

          Wenn es nicht gelingt, die Grenzen des Schengenraums effektiv zu kontrollieren, sollte Deutschland das österreichische Vorbild nachmachen und seine nationalen Grenzen kontrollieren. Diese Auffassung hat der Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Hans-Werner Sinn, in einem Vortrag in seinem Münchner Institut an diesem Dienstag geäußert, der per Internetvideo übertragen wurde. Angesichts des hohen Andrangs von Flüchtlingen und Migranten sei es notwendig, die Grenzen des Schengenraums „dicht zu machen“ und gleichzeitig ein einheitliches Asylsystem sowie eine Verteilung der Immigranten über Quoten zu sorgen, sagte Deutschlands bekanntester Ökonom.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Er zeigte sich aber skeptisch, ob eine solche „europäische Lösung“ kommen werde. Die Willkommenskultur sei ein eher auf Deutschland beschränktes Phänomen, andere europäische Länder seien abweisender. Griechenland, über das derzeit die meisten Migranten aus dem Nahen Osten kommen, bezeichnete Sinn als „failed state“ (gescheiterter Staat), in dem wenig funktioniere. Die vielen Inseln in geringer Entfernung zur Türkei seien kaum zu sichern.

          Man dürfe sich auch nicht von der Türkei abhängig machen, denn sonst werde man erpressbar. Daher sei es nötig, dass Slowenien die Grenzen des Schengenraums zum Balkan hin effektiv sichere.

          Europa muss seine Märkte öffnen

          Notfalls müsse aber auch Deutschland zu nationalen Grenzkontrollen zurückkehren, sagte Sinn weiter. Die „Horrorzahlen“ zu angeblichen ökonomischen Verlusten durch Handelsbeeinträchtigungen und Staus glaube er nicht. Es sei möglich, Grenzkontrollen zügig durchzuführen ohne sehr lange Staus. Würden die Zahl der Zöllner verdoppelt, würden die Kosten um 2 Milliarden Euro steigen. Dies sei als Obergrenze der Kosten anzunehmen, so Sinn.

          Zuvor hatten einige Wirtschaftsverbände wie der DIHK bis zu zweistellige Milliardensummen als Wohlstandseinbußen im Falle von Grenzkontrollen genannt. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte eine Rückkehr zu nationalen Grenzkontrollen in Europa sogar als „wirtschaftliche Katastrophe für den ganzen Kontinent“ bezeichnet.

          Als weitere Maßnahmen zu Bewältigung der Flüchtlingskrise nannte Sinn eine verstärkte Entwicklungshilfe vor Ort, damit die wirtschaftlichen Migrationsursachen verringert würden. Zur Entwicklungshilfe sollte vor allem Freihandel gehören, denn Freihandel sei die beste Hilfe zur Selbsthilfe. Europa dürfe insbesondere seine Agrarmärkte nicht abschotten.

          Warum Sinn Talkshows meidet

          Die schon hier angekommenen Asylbewerber gelte es schnellstmöglich in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Dazu müssten auch Ausnahmen von Mindestlohn möglich sein. Gleichzeitig müsse aber der weitere Zuzug gestoppt werden.

          Mit seinem Vortrag wolle er einen Beitrag zur Versachlichung der Debatte liefern, sagte der Ifo-Chef. Er habe fast ein Dutzend Einladungen zu Talkshows abgelehnt, weil dort nicht nüchtern über die Probleme diskutieren werden könne und „Ökonomen mit Schlips“ dort als kaltherzig abgetan würden.

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