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Ian Bremmer im Interview : „Erdogan und Putin sind stolze und impulsive Anführer“

Ian Bremmer ist Gründer und Chef des unabhängigen Analysehauses Eurasia Group, das auf Politikanalysen spezialisiert ist zum Beispiel für Kunden in der Finanzbranche. Bild: Eurasia Group

Krieg in Syrien. Streit mit Russland. Was wird aus Saudi-Arabien? Und kommt der Brexit? Politikanalyst Ian Bremmer erklärt im FAZ.NET-Interview die großen Konflikte der Welt.

          Herr Bremmer, Frankreichs Präsident Hollande warnte die Türkei gerade vor einem Krieg mit Russland, wenn sich das Land weiterhin militärisch so in Syrien engagiert. Ist das eine echte Gefahr?

          Alexander Armbruster

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.

          Ich denke, dieses Risiko ist übertrieben. Ja, der türkische Präsident Erdogan ist unberechenbar, und wir haben bereits Spannungen aufflammen sehen, als die Türkei ein russisches Flugzeug abgeschossen hatte, das kurz in seinem Luftraum herumirrte. Die Nato jedoch hat Erdogan klargemacht, dass andere Regierungen weitere solcher bewussten Provokationen nicht unterstützen werden. Zur selben Zeit wiederum sind die Europäer, die zunächst hofften, Russlands militärisches Eingreifen könnte helfen, Syrien zu stabilisieren und den Flüchtlingsstrom abzubremsen, offensichtlich genervt über Moskaus jüngste Aktionen in dem Land. Putin weiß, dass ein größerer Ölpreis-Anstieg gerade unwahrscheinlich ist und er möchte, dass die EU ihre Sanktionen aufhebt. Er hat außerdem keinen Anreiz, Europa oder die Nato jetzt gerade zu provozieren. Erdogan und Putin sind stolze und impulsive Anführer. Aber keiner von beiden ist dumm oder verrückt.

          Wird es für den Krieg in Syrien in diesem Jahr eine Lösung geben?

          Nein, keine wirkliche Lösung ist möglich, weil der IS und militante Gruppen wie Al-Nusra keine Beteiligten an einem wie auch immer vereinbarten Waffenstillstand sein werden. Sogar wenn sich die Vereinigten Staaten, die Europäer und Russland auf eine Linie verständigen sollten, gibt es zu viele Kräfte, die sie nicht kontrollieren können und zu viele Kämpfer, für die ein Kompromiss undenkbar ist. Das bedeutet mehr Flüchtlinge für Europa, vielleicht sogar mehr als die 1,8 Millionen, die im Jahr 2015 kamen.

          Könnten die Spannungen zwischen Saudi-Arabien und Iran zu einem offenen Krieg führen? Ist dies ein Szenario, mit dem sich Anleger auseinandersetzen sollten?

          Ein direkter Krieg zwischen diesen beiden Ländern ist sehr unwahrscheinlich, weil keine Seite glaubt, sie könnte sich das leisten ohne eine politische oder wirtschaftliche Katastrophe zu riskieren. Dessen ungeachtet sollten wir aber zunehmende Stellvertreter-Konflikte erwarten in Syrien, Irak, im Jemen und anderswo.

          Wie stabil ist die saudische Monarchie eigentlich?

          Weniger stabil als in vielen anderen Jahren. Der niedrige Ölpreis hat sich bereits stark auf die saudischen Reserven ausgewirkt und mittelfristig steuert die Wirtschaft auf echte Probleme zu. Iran seinerseits befindet sich nicht mehr unter Sanktionen und gewinnt Anteile auf dem Ölmarkt, die sich auf das Kräfteverhältnis im Nahen Osten auswirken werden - nicht zugunsten der Saudis. Zudem gibt es in Saudi-Arabien die Furcht, dass seine Alliierten (inklusive Washington) komplett unzuverlässig sind und dass nur die Kunden bleiben. Schließlich: Wenn der saudische König Salman sterben sollte bevor sein 30 Jahre alter Sohn Prinz Mohammed bin Salman Allianzen in der Familie geknüpft hat, könnten wir eine offene Auseinandersetzung über die Nachfolge erleben. Kurz gesagt: Saudi-Arabien ist vom einst berechenbarsten Akteur in der Region zum Joker Nummer eins geworden. Und das ist ein Zeichen ernster Schwäche, nicht Stärke.

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