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Horst Reichenbach : Der Helfer Griechenlands

Horst Reichenbach Bild: AFP

Horst Reichenbach leitet die „Task Force Griechenland“ der Europäischen Kommission. Sein Team soll dem Land helfen, wieder auf die Beine zu kommen.

          Warum tut er sich das an? Horst Reichenbach, Jahrgang 1945, ist in einem Alter, in dem Karrierebeamte üblicherweise den Ruhestand genießen. Der gebürtige Kieler hingegen scheint als Leiter der „Task Force Griechenland“ der Europäischen Kommission in die Rolle eines Feuerwehrmanns geschlüpft zu sein, dessen Löschzug angesichts eines Flächenbrands etwas klein geraten zu sein scheint. Solcherlei dramatische Beschreibungen liegen Reichenbach nicht. Er sieht sich eher als Griechenlands Freund und Helfer.

          Michael Stabenow

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Beneluxländer.

          Zu Monatsanfang hat Reichenbach Unterschlupf in einem spartanisch eingerichteten Büro im Untergeschoss der für Entwicklungshilfe zuständigen Generaldirektion der Kommission gefunden. Von der Aufregung um Griechenland und den Euro ist hier wenig zu spüren. Reichenbach, vor seinem Wechsel im Jahr 2005 zur Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBWE) in London drei Jahrzehnte lang Kommissionsbeamter, bleibt sich selbst treu. Seine Stimme klingt ruhig, er blickt dem Gesprächspartner fest in die Augen. In der jetzigen Situation komme es vor allem auf gegenseitiges Vertrauen an. Natürlich habe er bei seinem Antrittsbesuch in Athen mitbekommen, dass es auch Argwohn gebe. Sogar der Begriff „Gauleiter“ sei in den Medien gefallen. „In meinen Kontakten mit Vertretern der Regierung, Opposition und Sozialpartnern habe ich allerdings von Vorbehalten nicht wirklich etwas gespürt. Alle Gesprächspartner waren zudem gut vorbereitet“, sagt Reichenbach.

          Reichenbach will Athen auch helfen, EU-Mittel abzurufen

          Freilich verhehlt er nicht, dass sein in Kürze auf 30 Mitarbeiter ausgebautes Team vor einer gewaltigen Aufgabe stehe – sie sei aber keineswegs hoffnungslos. Lebhaft wird der gebürtige Kieler, als er die tagtäglich länger werdende Liste der Herausforderungen durchgeht, bei denen sein Team Griechenland helfen soll, wirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen. Sie reicht von der besseren Steuereintreibung über Reformen der Verwaltung und des Gesundheitssystems, die bessere Nutzung elektronischer Kommunikationsdienste im öffentlichen Dienst und der Privatwirtschaft bis hin zu einer besseren Nutzung der Griechenland zustehenden, aber nur unzureichend abgerufenen Fördermilliarden der EU-Strukturfonds.

          Nicht nur auf seine Erfahrung als Spitzenbeamter der Kommission – zum Beispiel bei der heiklen internen Verwaltungsreform – will Reichenbach nun setzen. Als Vizepräsident der Osteuropabank habe er gelernt, was zu tun sei, „wenn kein anderer bereit ist zu helfen“. Etwas Stolz schwingt in der Stimme mit, als Reichenbach daran erinnert, wie es mit Hilfe der Bank in der Vergangenheit gelungen sei, Ländern wie der Ukraine, Russland oder Rumänien aus der Patsche zu helfen.

          Sein Team mit den Büros in Brüssel und Athen stehe schon in Kontakt mit möglichen Investoren in Griechenland, berichtet Reichenbach. Auch mit deutschen Industrievertretern gebe es Gespräche. Man brauche keine ausgeklügelten Analysen von Beratungsgesellschaften der griechischen Wirtschaft, um die drei wichtigsten Felder für Investoren zu erkennen: „Tourismus, erneuerbare Energien und Agribusiness, also sämtliche mit der Landwirtschaft zusammenhängende Tätigkeiten.“

          Feuertaufe bestanden

          Reichenbachs Zuversicht beruht auch darauf, dass sich spontan 550 Mitarbeiter der Kommission um eine Tätigkeit in seinem Team beworben hätten. Er selbst habe sich nach einem Anruf aus der EU-Zentrale innerhalb von 36 Stunden entschieden, sein bis Ende des Jahres befristetes Londoner Amt vorzeitig aufzugeben. Auf die Frage nach seinen Stärken antwortet Reichenbach spontan: „Für mich ist es wichtig, etwas zu erreichen und gesetzte Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Als Mathematiker ist es für mich ein Hobby, Probleme zu lösen.“ Und an Zahlen herrsche in Griechenland derzeit wahrlich kein Mangel, fügt er augenzwinkernd hinzu. Reichenbach weicht aber auch der Frage nach seinen Schwächen nicht aus. „Ich bin nicht unbedingt der beste Kommunikator“, sagt er.

          Dabei wird ihm bescheinigt, er habe unlängst in Athen seine Feuertaufe bei Pressekonferenzen und sonstigen öffentlichen Auftritten bestanden. Unabhängig davon, ob Griechenland noch der Staatspleite entrinnen kann, scheint er sich darauf eingerichtet zu haben, zumindest die kommenden zwei Jahre sein neues Amt zu versehen. Vielleicht findet er Zeit, seinem seit seiner Studienzeit liebgewonnenen Hobby als Weinkenner und -liebhaber auch in Griechenland zu frönen. Ja, ein bei einem Abendessen in Athen servierter Weißwein habe ihm durchaus geschmeckt, sagt Reichenbach schmunzelnd. Es spricht einiges dafür, als könnte zumindest eines der derzeit häufig verpönten griechischen Produkte einen neuen Abnehmer finden.

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