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Honorarzuschlag : 100.000 Euro extra für den Landarzt?

Allein auf weiter Flur: Auch praktizierende Landärzte sollen mit Honorarzuschlägen geködert werden. Bild: Getty Images

Der Mangel an Landärzten wird immer mehr zum Problem. Ein Honorarzuschlag in schlecht versorgten Gebieten soll das nun ändern. Die Ärzte sollen das Geld aber nicht einfach als Prämie kassieren.

          3 Min.

          Der Ärztemangel auf dem Land wird immer drängender. Um die Versorgung zu sichern, schlagen Regierungsberater Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) jetzt ungewöhnliche Maßnahmen vor: Hausärzte in unterversorgten Gebieten sollen einen Honorarzuschlag von 50 Prozent bekommen. Das wären mehr als 100.000 Euro im Jahr. Denn nach Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) erreichte der Honorarumsatz der Hausärzte, also alle Kasseneinnahmen vor Kosten und Steuern, in unterversorgten Regionen wie den neuen Ländern 2012 bis zu 240.000 Euro, im Schnitt aller Länder lag er knapp unter 200.000 Euro.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Das zusätzliche Honorar sollen aber nicht die Krankenkassen finanzieren. Bezahlt werden soll es aus dem Honorartopf der Ärzte, die in Gegenden praktizieren, wo es keinen Ärztemangel gibt – oder eine Überversorgung an Medizinern existiert. Das sind vor allem die Ballungsräume. Wo die Überversorgung besonders hoch ausfällt, sollen die Vereinigungen der Kassenärzte gezwungen werden, frei werdende Praxen aufzukaufen und zu schließen, etwa wenn der Inhaber in den Ruhestand gegangen ist. Dafür plädiert der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (SVR) in seinem am Montag vorgestellten neuen Gutachten, das alle zwei Jahre vorgelegt wird.

          Darin kommen die Gutachter zu einem für die Gesundheitspolitik wenig schmeichelhaften Ergebnis: „Die bislang getroffenen Maßnahmen waren leider nicht in der Lage, eine kontinuierliche Verschärfung der vereinzelt bereits sich abzeichnenden und in einigen Regionen drohenden Unterversorgung zu verhindern“, ziehen die Sachverständigen Bilanz. So führe die von der vorigen Regierung neu geordnete Zulassungsplanung nicht, wie behauptet, zu 3000 neuen Haus- und je 1300 Fachärzten und Psychotherapeuten. Das Gegenteil sei der Fall. Aus den Berechnungen ergäben sich sinkende Sollzahlen: 1400 Hausarzt- und 1800 Facharztsitze fielen weg. Die ambulante Versorgung müsse „mit insgesamt weniger Ärzten als heute gemeistert werden“.

          Vor allem in Ostdeutschland ein Problem

          Die Sachverständigen halten das nicht per se für ein Problem. Denn in den meisten Gegenden gebe es eine Überversorgung, vor allem an Fachärzten. In einem Drittel der 886 Planungsbereiche für die Hausärzte sei die Versorgung dagegen nicht zu 100 Prozent gesichert. Die drohende oder latente Unterversorgung mit Hausärzten sei vor allem in Ostdeutschland ein Thema.

          Der will der Sachverständigenrat mit zusätzlichen Anreizen für eine Niederlassung und neuen Arbeitsstrukturen entgegenwirken. Profitieren davon könnten an die 5000 Ärzte. Der „Landarztzuschlag“ von 50 Prozent des bisherigen Honorars soll 10 Jahren lang nicht nur an neue Ärzte, sondern auch an die schon Praktizierenden ausgezahlt werden. Das seien „deutlich weniger als 10 Prozent der Hausärzte und deshalb ohne große Verwerfungen machbar“, sagte SVR-Chef Ferdinand Gerlach. Die Landärzte, die in unterversorgten Regionen wegen des hohen Arbeitsanfalls schon heute meist überproportional gut verdienen, sollen das Extrahonorar aber nicht nur als Prämie wegstecken.

          Geht es nach Gerlach, werden damit Investitionen in Umstrukturierung finanziert: der Aufbau von Gemeinschaftspraxen, Ärztehäusern oder lokalen Gesundheitszentren, in denen Ärzte unterschiedlicher Fachrichtungen, zuweilen auch nur tageweise, zusammenarbeiten. „Der Landarztzuschlag soll dazu beitragen, medizinisch sinnvolle Umstrukturierungen zu ermöglichen und zusätzlich eine Tätigkeit in ländlichen Regionen durch bedarfsgerechte Arbeitsbedingungen und verbesserte Honorierungen für den Nachwuchs attraktiv zu gestalten.“ Gerade auf dem Land würden medizinische Teams aus Ärzten und Pflegekräften gebraucht, um die alternde Bevölkerung zu versorgen.

          Die Analyse bestätigt, dass es in vielen Ballungszentren rechnerisch zu viele Ärzte gibt, auch wenn die auf Termine wartenden Patienten oft den gegenteiligen Eindruck gewinnen. Nach jüngsten Zahlen gibt es eine Reihe von Planungsbezirken, in denen doppelt so viele Ärzte zugelassen sind, wie rechnerisch benötigt werden. 1739 von bundesweit 111840 Praxen könnten deshalb geschlossen werden. Bei einer Versorgungsquote von 200 Prozent rät der Sachverständigenrat dem Gesetzgeber, die Kassenärztlichen Vereinigungen zum Aufkauf frei werdender Praxen zu zwingen. Die Möglichkeit dazu haben sie schon, doch hätten sie davon „bundesweit nur genau einmal Gebrauch gemacht“.

          Das 629 Seiten umfassende Gutachten geht auf viele Bereiche der Krankenversorgung und Gesundheitswirtschaft ein. Darin empfehlen die Gutachter die Schließung von Krankenhäusern in überversorgten Ballungszentren. Sie loben die von der Koalition erst begrabene, nun aber von den Ländern wieder erhobene Forderung nach einem 500-Millionen-Euro-Fonds zur Umwidmung oder Schließung maroder Kliniken. Skeptisch kommentieren sie Pläne der Politik, die Finanzierung von Krankenhausleistungen besser an der Qualität der Leistungen auszurichten. Das sei kurzfristig kaum machbar.

          Im Arzneimittelvertrieb plädieren die Sachverständigen für Preiswettbewerb und Deregulierung. So schlagen sie ein neues Apothekenpreismodell vor. Auch fordern sie wieder eine Lockerung des Fremd- und Mehrbesitzverbots der Apotheken. Es legt fest, dass nur Apotheker Apotheken besitzen dürfen und dass ein Pharmazeut insgesamt nur vier Apotheken unterhalten darf.

          Kritisch sehen die Sachverständigen das Zulassungssystem für Medizinprodukte. Reformen seien nicht nur wegen des Skandals um unzureichende Brustimplantate notwendig. So sollten Medizinprodukte eine europaweite und unabhängige Zulassung beantragen müssen, am besten bei der für Arzneimittel zuständigen Europäischen Arzneimittelagentur (EMA). Eine Deckungsvorsorge für Schadensfälle wie über eine Haftpflichtversicherung müsse obligatorisch werden.

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