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Honorare : Kassen rufen Ärzte zur Mäßigung auf

Verdienen die Träger des weißen Kittels zu viel oder zu wenig Geld? Bild: AP

Ärztefunktionäre beklagen, die Ärzte verdienten zu wenig Geld. Das lässt sich nun überprüfen. Das Statistische Bundesamt beziffert den Reinertrag je Praxisinhaber auf 142.000 Euro im Jahr - Argumentationshilfe für die Krankenkassen.

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          Die gesetzlichen Krankenkassen haben die Kassenärzte aufgefordert, sich in den laufenden Honorarverhandlungen für das nächste Jahr zurückzuhalten. „Nachdem die Ärztevertreter in einer beeindruckenden Lautstärke das Klagelied der niedrigen Einkommen gesungen haben, gibt es jetzt Klarheit, und wir hoffen zu dem Thema auf eine konstruktive Stille“, sagte der Sprecher des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenversicherung, Florian Lanz, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am Wochenende in Berlin.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Wien.

          Zuvor hatte das Statistische Bundesamt Berechnungen über die Ärzteeinkommen veröffentlicht. Demnach betrug der Reinertrag eines Praxisinhabers im Jahr 2007 im Durchschnitt 142.000 Euro; das waren 16.000 Euro mehr als im Jahr 2003, als die repräsentative Stichprobe letztmalig erhoben worden war. In den neuen Ländern liegt der Reinertrag je Praxisinhaber bei 120.000 Euro, in den alten Ländern bei 147.000 Euro.

          Die Klagen der Ärztefunktionäre

          Kassenverbandssprecher Lanz schlussfolgerte daraus: „Wir erwarten, dass die Honorarverhandlungen vor diesem Hintergrund nicht wieder durch unrealistische Behauptungen über die Einkommenssituation der Ärzte belastet werden.“ Seit Anfang August verhandeln Kassen und Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) wieder über die Weiterentwicklung der Honorarreform, regionale Zu- und Abschläge und die Anpassung der Honorare an die Kostenentwicklung. Vor allem Ärztefunktionäre beklagen seit langem, die Ärzte verdienten zu wenig Geld, weshalb sie die Beschäftigung im Ausland oder in der Industrie vorzögen.

          Vor einem Monat hatte die Vereinigung der Kassenärzte mitgeteilt, dass die Durchschnittshonorare der knapp 150.000 Kassenärzte und Psychotherapeuten aus Bezügen der gesetzlichen Kassen 2008 und 2009 um etwa 9 Prozent oder rund 3,8 Milliarden Euro steigen würden, womit aber nur ein Teil des fehlenden Geldes ausgeglichen sei. Nach Angaben von KBV-Chef Andreas Köhler liegt das durchschnittliche Einkommen eines Kassenarztes (über alle Haus- und Fachärzte) bei 87.000 Euro und damit unter dem eines Oberarztes im Krankenhaus, der 105.000 Euro verdiene.

          Praxen könnten ohne Kassenpatienten kaum bestehen

          KBV-Sprecher Roland Stahl sah sich durch die Untersuchung des Statistischen Bundesamtes in der Auffassung bestätigt, dass die Einnahmen der Ärzte aus der gesetzlichen Krankenversicherung unzureichend seien. Dort heißt es, der Anteil der Einnahmen aus der Kassenarztpraxis sei gegenüber 2003 von 75 auf 71 Prozent zurückgegangen; die aus der Privatpraxis seien von 22,2 auf 25,9 Prozent gestiegen, die für Gutachten oder „Individuelle Gesundheitsleistungen“ von 2,7 auf 3,1 Prozent.

          Demnach ist es den Ärzten in den vergangenen Jahren gelungen, die zurückgehenden Kassenbezüge überzukompensieren. Das stützt die These der privaten Krankenversicherung, sie zahle mit einem Zehntel der bei ihr versicherten Bevölkerung ein Viertel der Ärzteeinkommen. Umgekehrt bleibt richtig, das die allermeisten Praxen ohne Kassenpatienten kaum bestehen könnten.

          Auswertung der „Kostenstruktur“

          Das Statistische Bundesamt stützt sich bei seiner Auswertung der „Kostenstruktur“ auf eine Befragung von 6237 Praxen. In dem ermittelten Reinertrag je Praxisinhaber (nicht je Arzt) sind von den Einnahmen die Personalkosten für Arzthelferinnen oder angestellte Ärzte, weitere Praxiskosten, Abschreibungen und Fremdkapitalzinsen abgezogen worden. Der Reinertrag ist damit vergleichbar mit dem Bruttoeinkommen eines Arbeitnehmers, auch wenn der Arzt daraus nicht nur seine Steuern, sondern auch seine Sozialversicherungsabgaben einschließlich des Arbeitgeberanteils tragen muss.

          Den höchsten Reinertrag verbuchten 2007 laut Statistischem Bundesamt Inhaber einer Praxis für Radiologie und Nuklearmedizin (264.000 Euro), Orthopäden (186.000) und Augenärzte (170.000). Urologen (167.000) lagen vor Internisten (158.000), Hautärzten (155.000), Chirurgen (148.000), Frauenärzten (145.000) und HNO-Ärzten (144.000). Unter dem Durchschnitt von 142.000 Euro lagen Praxisinhaber in der ambulanten Neurologie (128.000), Kinder- und Jugendmedizin (124.000) und Allgemeinmedizin (116.000).

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