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Demokratie und freier Handel : Hongkong bebt, die Wirtschaft kuscht

Freier Handel, unfreies Wort: Polizisten in Hongkong gehen gegen die Demonstranten vor Bild: AP

Hongkonger Banken und Industrielle lehnen die Proteste für mehr Demokratie ab. Auch die westliche Wirtschaft will das chinesische Regime nicht verärgern. Aber kann der autoritäre Kapitalismus langfristig klappen?

          3 Min.

          Unruhe ist schlecht für die Geschäfte. Die Finanzwirtschaft Hongkongs weiß das schon länger. Die Massenproteste der Studenten dort, die Rufe nach politischer Freiheit – der Wirtschaft sind sie unerwünscht. Um das zu erkennen, musste man nicht den Montag abwarten, an dem 44 Banken ihre Belegschaften nach Hause schickten und ihre Niederlassungen schlossen.

          Hendrik Ankenbrand

          Wirtschaftskorrespondent für China mit Sitz in Schanghai.

          Vielmehr stornierten schon Ende 2013 zwei finanzkräftige Anzeigenkunden der Tageszeitung „Apple Daily“ auf einen Schlag sämtliche Werbeanzeigen. Für die Zeitung, die mit der Regierung in Peking kritisch umgeht, war das ein Schlag, handelte es sich doch um ein Jahresvolumen von umgerechnet 3,6 Millionen Dollar. Den zuvor stets treuen Kunden HSBC und Standard Chartered hatten nach Aussage der Zeitung die Berichte über die aufkommende Demokratiebewegung Hongkongs nicht gefallen. Das Pikante daran: Die beiden wichtigsten Banken der früheren Kronkolonie haben ihren Hauptsitz in London.

          Wenige Monate später ist die Wut der sieben Millionen Hongkonger über das faktische Scheitern des 1997 zwischen Großbritannien und China vereinbarten Modells „Ein Land, zwei Systeme“ eskaliert. Doch nicht nur Hongkonger Großindustrielle, die jüngst in Peking auf gemeinsamem Besuch Präsident Xi Jinping ihr Leid über die Proteste klagten, stellen sich gegen die Bevölkerung. Auch die westliche Wirtschaft will das Regime Chinas nicht verärgern, die Führung jenes Landes, mit dem fast zwei Drittel von Hongkongs Handel abgewickelt wird.

          Alibaba will seine Aktionäre lieber entrechten

          Am freien Kapitalfluss verdienen wollen und die Freiheit des Worts bekämpfen – das sei von den britischen Banken viel zu kurzfristig gedacht, kritisiert hingegen die eigene Regierung in London, die im Juni „ernste Bedenken“ bezüglich der „Selbstzensur“ in Hongkong anmeldete. Schließlich habe dort die Freiheit beim Aufstieg eine entscheidende Rolle gespielt. Das stimmt. Denn auch nach der Übergabe an die Volksrepublik konnte das mit weitreichenden Autonomierechten ausgestattete Hongkong zur sechstgrößten Aktienbörse der Welt wachsen und zum sechstgrößten Devisenhandelsplatz der Welt. Und anders als in Schanghais sogenannter Freihandelszone, die ein Jahr nach dem Start wegen Mangels an Freiheitsgraden eher eine handelsfreie Zone ist, fließen die Milliarden weiter nach Hongkong, wo keine Kapitalkontrollen herrschen, der Hongkong-Dollar konvertibel ist und unbegrenzt umgetauscht werden darf. Das ist ein entscheidender Punkt. Zwar darf seit diesem Dienstag unter vielen Beschränkungen auf dem chinesischen Festland der Euro gegen Renminbi getauscht werden, bis zu einer Konvertibilität der chinesischen Währung ist es nach herrschender Meinung aber noch weit.

          Wie geht es jetzt weiter? Setzt Chinas mächtigster Führer seit Republikgründer Mao, der seit zwei Jahren amtierende Präsident und Parteichef Xi Jinping, nun mit einem Einsatz des Militärs Hongkongs Ruf als Finanzdrehscheibe Asiens aufs Spiel? Und auf dem Spiel steht viel: Während Chinas Wirtschaft das diesjährige Wachstumsziel von 7,5 Prozent wohl verfehlen wird, glänzt Hongkong mit Lebensqualität, einer bisher akzeptierten politischen Führung und Rechtsinstitutionen so hell, dass diese den größten Börsengang aller Zeiten nach New York weiterreichten. Denn der Internetkonzern Alibaba will seine Aktionäre lieber entrechten.

          Es geht nicht um Moral, sondern um die eigene Investition

          Am Montag fiel Hongkongs Börsenindex zunächst unter das Kursniveau vom Vorjahresende. Die Ratingagentur Fitch warnte, auf lange Sicht könne die verfahrene politische Situation Einfluss „auf Hongkongs Stabilität und Attraktivität als Investitionsstandort“ haben. Der Ruf als globales Finanzzentrum drohe beschädigt werden, fürchtet die Ratingagentur Moody’s. Die Rivalen bringen sich in Stellung: Tokio habe zwar weniger Menschen als Hongkong, die der Börsensprache Englisch mächtig seien, sagte Bürgermeister Yoichi Masuzoe jüngst vor Investoren. Dafür biete Japan aber eine „Garantie der Grundrechte inklusive Meinungsfreiheit“. Im Blick auf Südasien hieß es aus der australischen ANZ Bank, die Finanzinstitute und Konzerne Hongkongs hätten den Notfallplan das Asiengeschäft künftig von Singapur aus zu lenken. Ob an der Drohung etwas dran ist, bleibt offen. Denn ein Demonstrationsrecht gibt es im autoritären Stadtstaat Singapur auch nicht. Dafür droht aber nicht die Lähmung der Verwaltung wie nun in Hongkong.

          Kurzfristig sei die Stabilität des Finanzzentrums Hongkong sowieso nicht gefährdet, beschwichtigt die Ratingagentur Fitch aber noch – und lässt Hongkong die zweitbeste Note AA+ (kurzfristig kaum Ausfallrisiko, längerfristig schwerer einschätzbar). Ein ausgeglichener Haushalt, klar angebotsorientierte Wirtschaftspolitik, gute Regierungsführung, alles im Sinne der Wirtschaft. Doch wird das auch die kommenden drei Dekaden so bleiben, in jener Zeitspanne, die Hongkong seine Autonomierechte noch genießt? Als 1997 die 50-Jahres-Regelung vereinbart wurde, hatte niemand geahnt, dass Chinas Volkswirtschaft so schnell aufholen würde. Auf Hongkongs wichtigster Finanzinvestorenkonferenz, die das Investmenthaus CLSA vorvergangene Woche für über 1.000 Teilnehmer ausrichtete, ahnten die Banker Böses. Langfristig sei ein Finanzplatz ohne Meinungsfreiheit von Nachteil. Nicht aus moralischen Erwägungen. Sondern aus Sorge um die eigene Investition.

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