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Hinterziehung : 4700 Milliarden Euro in Steueroasen

Die Karibik ist ein beliebtes Ziel für Fluchtgeld. Bild: © Bildagentur Huber

Ein französischer Ökonom hat spektakuläre Rechnungen zur globalen Steuerhinterziehung vorgelegt. Würde alles ehrlich versteuert, hätten wohl viele Länder ihre Haushaltsprobleme gelöst.

          Rund einen Monat sitzt Uli Hoeneß nun schon wegen Steuerhinterziehung in Haft, viele weitere werden noch folgen. Alice Schwarzer wird das wohl erspart bleiben, weil sie rechtzeitig ihre Flucht vor dem Fiskus offenbart hat. Und große Firmen wie Amazon oder Apple müssen Strafen gar nicht erst fürchten. Ihre Steuertricks sind völlig legal.

          Dyrk Scherff

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aber all diese prominenten Fälle haben dazu geführt, dass über Steueroasen so heftig wie lange nicht diskutiert wird. In der vergangenen Woche sorgte nun auch ein junger Ökonom aus Frankreich für neues, spektakuläres Futter für die Debatte. Er legte erstmals auf Deutsch ein Buch vor, das genau ausrechnet, wie viel Geld in solchen Steuerschlupflöchern versteckt ist, wie viele Steuereinnahmen den Industrieländern dadurch verlorengehen und wie man das ändern kann.

          Gabriel Zucman ist ein Schüler des in jüngster Zeit bekannt gewordenen französischen Ökonomen Thomas Piketty, der den starken Anstieg der Kapitaleinkünfte im Vergleich zu den Lohneinkommen und die daraus resultierende ungleiche Vermögensverteilung untersucht hat. Derzeit ist der 27-Jährige Zucman an der Universität im kalifornischen Berkeley tätig.

          Ehrliche Versteuerung killt Haushaltsdefizite

          Seine Rechnungen kommen auf eine unvorstellbare Zahl. Danach lägen in den Steueroasen weltweit 5800 Milliarden Euro, wovon 4700 Milliarden nicht versteuert seien. Das ist mehr als die gesamte Wirtschaftsleistung Deutschlands in einem Jahr. Es ist auch mehr als doppelt so viel wie die in Jahrzehnten angehäufte deutsche Staatsverschuldung. Und es ist etwa acht Prozent des privaten Finanzvermögens der Welt und sogar mehr als zehn Prozent des europäischen Finanzvermögens. Rund 30 Prozent des Geldes in Steueroasen lägen in der Schweiz, schreibt Zucman. Sie wäre damit noch immer die größte Oase der Welt, wobei der Anteil abnimmt. Der Rest befinde sich vor allem in Singapur, Hongkong, Luxemburg, auf den Bahamas, den Kaimaninseln und der Kanalinsel Jersey. Wobei ein Großteil der in Singapur und Hongkong registrierten Guthaben auch von Schweizer Banken verwaltet werde.

          Und Zucman hat noch weiter gerechnet: Wenn all die Milliarden ordentlich versteuert würden, hätten die Staaten jedes Jahr 130 Milliarden Euro mehr Einnahmen zur Verfügung. Damit könnten viele Länder auf einen Schlag ihre Haushalte ohne Defizite finanzieren.

          Doch so beeindruckend Zucmans Zahlen auch sind: Sie sind höchst umstritten. Die Berechnung ist angreifbar. Zwar ist die Ursprungsidee ziemlich überzeugend. Er vergleicht öffentlich zugängliche Statistiken, zum Beispiel von Notenbanken, der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), Statistikämtern oder Verwahrstellen für Wertpapiere. Dabei fielen Zucman Zahlen über den Vermögensbesitz auf, die eigentlich gleich sein müssten, es aber nicht sind. So belief sich der Wert von Luxemburger Fonds nach dortigen Statistiken auf 2200 Milliarden Euro. Addiert man hingegen den Wert der Luxemburger Fonds in den Vermögensstatistiken einzelner Länder, kommen nur 1200 Milliarden Euro zusammen. Die Differenz von 1000 Milliarden Euro hat keinen identifizierbaren Eigentümer. Zucman folgert daraus, dass diese Differenz anonym in Steueroasen liegt.

          Die Schweiz ändert sich gerade

          „Zucman hat, anders als manche Nichtregierungsorganisation, sauber gerechnet und das nachvollziehbar gemacht. Er ist ein seriöser Ökonom“, sagt Clemens Fuest, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) Mannheim, der selbst viel in Steuerfragen geforscht hat. „Aber seine Berechnungen haben einen entscheidenden Mangel: Zucman nimmt an, dass 80 Prozent des Geldes in Steueroasen nicht versteuert ist. Das ist jedoch nicht nachweisbar.“

          Zucman leitet diese Quote daraus ab, wie viel Prozent der Anleger in der Schweiz anonym bleiben wollen. Doch niemand weiß, ob sie anonym bleiben wollen, um Steuern zu hinterziehen, oder vielleicht aus familiären oder Sicherheitsgründen. Geld könnte ganz legal in einer Steueroase liegen, zum Beispiel von Firmen oder Pensionsfonds. Zum Beispiel weil Steueroasen wie die Schweiz und Hongkong auch wichtige Finanzplätze sind.

          Zudem ändert sich gerade die Lage stark. Die Daten sind schon veraltet, denn die Schweiz will gerade ernst machen mit ihrer Weißgeldstrategie. Dahinter verbirgt sich, dass Steuersünder aufgefordert werden, sich steuerehrlich zu machen, andernfalls würden die Konten aufgelöst. Noch ist allerdings nicht bewiesen, inwiefern wirklich die Steueroase Schweiz austrocknet. Es gibt gerade Bemühungen, über ein Referendum das Bankgeheimnis in der Verfassung zu verankern und damit zu stärken.

          Internationales Finanzkataster

          Hinzu kommt, dass Zucman selbst einräumt, sich auf Finanzvermögen in Wertpapieren und Fonds konzentriert und damit einige Zahlen nicht ausgewertet zu haben. Zum Beispiel Bargeld. Oder Lebensversicherungspolicen. Und auch nicht-finanzielle Vermögen wie Yachten, Chalets oder Kunstwerke hat er ausgespart. Er hält seine Schätzungen daher für einen Minimalwert. Das nicht deklarierte Vermögen könnte statt acht Prozent des weltweiten privaten Finanzvermögens bis zu elf Prozent betragen - mehr aber auch nicht. Andere Rechnungen zu Steuerhinterziehung hält er daher für überzogen.

          Aus seinen Berechnungen hat Gabriel Zucman weitreichende Vorschläge abgeleitet, wie man die verheimlichten Milliarden aufdeckt und dadurch die Steuereinnahmen der Länder mehrt. Sie sind radikal. Daran merkt man Zucmans Herkunft aus der eher linken Piketty-Schule.

          So schlägt er vor, alle Zinseinkünfte oder Dividenden, die in kleinere Steueroasen fließen, hoch zu besteuern. In großen Oasen wie der Schweiz, Luxemburg oder Singapur, die gleichzeitig bedeutende Finanzplätze für völlig legale Geschäfte sind, ist das schwierig. Sie leben aber oft auch stark vom Export von Waren. Daher will Zucman sie mit hohen Zöllen auf ihre Exporte in die Knie zwingen.

          Zudem schlägt er ein internationales Finanzkataster vor, das die Eigentümer von allen Wertpapieren erfasst. Es soll vom Internationalen Währungsfonds mit Hilfe nationaler Behörden aufgebaut werden. Die Finanzämter sollen darauf Zugriff haben. Eine Quellensteuer auf alle Kapitalerträge soll das unterstützen. Schließlich will Zucman die Steuergestaltung der großen Unternehmen unterbinden, indem künftig alle Gewinne, die weltweit entstehen, in einem Land besteuert und die Einnahmen danach auf die Staaten verteilt werden.

          So gut, wie diese Vorschläge erst mal klingen - sie dürften an der Realität scheitern. „Weltweite Regelungen lassen sich nicht durchsetzen. Und die Idee einer internationalen Unternehmensbesteuerung schafft neue Umgehungsmöglichkeiten“, sagt Steuerökonom Clemens Fuest. „Besser ist es, die Regierungen der kritisierten Länder mit ins Boot zu holen, wie das etwa bei der Schweiz gelungen ist. Die Konsenssuche im Rahmen der OECD, wie sie derzeit erfolgt, ist der erfolgversprechendere Weg.“

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