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Präsidentschaftswahl : Hillary Clinton als Champion der Mittelschicht

„Amerika braucht jeden Tag einen Champion. Ich möchte dieser Champion sein.“ - Hillary Clinton wirbt besonders um die Mittelschicht. Bild: dpa

Hillary Clinton will Amerikas erste Präsidentin werden. Wer ihr Bewerbungsvideo anschaut, erahnt den Kern ihrer Kampagne: Es geht um die Mittelschicht. Wieso das funktioniert.

          3 Min.

          Hillary Clinton will Präsidentschaftskandidatin der Demokratischen Partei werden mit einem Programm, das leicht links von der Mitte liegt. Das darf man vermuten nach Auswertung ihres Bewerbungsvideo, das Clinton am Sonntag ins Netz gestellt hat. Die verräterische Passage lautet frei übersetzt: „Amerikaner haben sich aus wirtschaftlich schweren Zeiten zurückgekämpft. Aber der Tisch ist immer noch zu Gunsten der Leute an der Spitze gedeckt.“ Dahinter steckt die Analyse, dass das politische System die Elite begünstigt. In den nächsten beiden Sätzen des Videos folgt die zentrale Botschaft: „Die normalen Amerikaner brauchen jemanden, der für sie kämpft. Ich möchte derjenige sein.“ In diesen Worten steckt die vage Ankündigung, etwas zu unternehmen, um die politischen Verhältnisse zu Gunsten der normalen Leute zu verbessern.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

          Amerika teilt mit Deutschland das Paradox, dass die klassischen ökonomischen Kennziffern gut oder wenigstens nicht schlecht aussehen, während sich das generelle Lebensgefühl vieler Leute von Unsicherheit über die eigenen Aussichten und der Sorge, was aus den Kindern werden soll, geprägt ist. Die Arbeitslosenquote liegt mit 5,5 Prozent nahe bei dem, was Ökonomen als Vollbeschäftigung ansehen. Die Inflation ist quasi nicht-existent und Autofahren ist so billig wie selten in diesem auf Mobilität angelegten Land.

          Die Wirtschaft wächst schneller als in den meisten Industrieländern. Der Internationale Währungsfonds bescheinigt dem Land, zur Zeit die Konjunkturlokomotive der Welt zu sein. Die guten Nachrichten setzen sich aber nicht so richtig. „Die Amerikaner sind unglücklich“, glaubt Bill Drayton, ein alter Weggefährte Hillary Clintons, und Präsident einer Organisation, die Sozialunternehmer in der ganzen Welt fördert.

          Reiche zahlen viele Steuern

          Stattdessen verfestigt sich ein anderer Narrativ: Die Ungleichheit wird immer größer, die wirtschaftliche Erfolge bis zur Finanzkrise wurden mehr oder weniger von den oberen ein Prozent vereinnahmt, während die Löhne der normalen Leute stagnierten. In Clintons Film geht es nicht um die ganz Armen gegen die ganz Reichen, es geht um die in der Mitte gegen die da oben.

          Wenn der linksliberale Talkmaster Bill Maher, ein großer Spender für die demokratische Partei, in seiner Sendung fragt, wo denn der Aufschwung bleibe, wenn College-Studenten nach ihrem Abschluss wieder bei ihren Eltern einziehen, weil sich sie sich die Miete nicht leisten können, dann tobt der Saal. Hier spiegelt sich Sorge der Mittelschicht, die besseres gewohnt war. Aus diesem Gefühl erwächst die Forderung nach einem umverteilenden Staat. Selbst einige Kandidaten der Republikaner, die sonst schnell mit Warnungen vor sozialistischen Umtrieben bei der Hand sind, öffnen sich für Ideen, die Antworten auf die Ungleichheit geben.

          Allerdings lässt der amerikanische Staat die Besserverdiener keineswegs so ungeschoren, wie man den Eindruck haben könnte, wenn man politische Talkshows verfolgt. In diesen Tagen kam eine Analyse des von Parteien unabhängigen Tax Policy Centers heraus, das bemerkenswerte Zahlen präsentierte zur Verteilung der Einkommensteuerlast des Bundes.

          Die oberen 20 Prozent gemessen an der Einkommenshöhe verdienen 134.000 Dollar oder mehr. Sie sacken den Berechnungen zufolge mehr als 50 Prozent des Einkommens ein, tragen dafür aber 84 Prozent des gesamten Einkommen- Steueraufkommens, das Washington einnimmt. Die Zuflüsse aus der Einkommensteuer decken rund die Hälfte des Steueraufkommens der Regierung in Washington. Die starke Progressivität der amerikanischen Einkommensteuer drückt sich auch in einer anderen Zahl aus: Drei Millionen Spitzenverdiener tragen 46 Prozent des Einkommensteueraufkommens und damit fast genauso viel wie der Rest der Bevölkerung. Kinder und Amerikaner außer Landes mit eingerechnet sind das 320 Millionen.

          Die unteren zwei Fünftel mit einem Jahresverdienst zwischen null und 47.000 Dollar zahlen netto gar keine Einkommenssteuer. Sie kriegen sogar etwas heraus, weil über den Fiskus Unterstützungen für die Ausbildung abgewickelt werden. Gemildert wird die Lastenverteilung, wenn man Verbrauchsteuern hinzunimmt.

          Für Hillary Clinton stellt sich angesichts solcher Zahlen die Frage, ob sich die Schraube noch weiter drehen lässt. Jüngere Studien des bekannten Politologen Robert Putnam zeigen eine ganze andere und womöglich wichtigere Form der Ungleichheit. Die gehobene Mittelklasse schenkt ihren Kindern viel mehr Zeit und Aufmerksamkeit als die Unterschicht. Das war in den siebziger Jahren noch anders. Die Kinder der Mittelklasse gehen dann aufs College. Und das ist immer noch die beste Versicherung gegen schlechte Zeiten.

          In der ursprünglichen Version hatten wir den Satz von Hillary Clinton falsch übersetzt. Das ist jetzt korrigiert. Vielen Dank für den Hinweis!

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