https://www.faz.net/-gqe-8jy1d

Bürgermeister von Johannesburg : Black Like Me

„Ich will der Bürgermeister der Arbeitsplätze werden“ - jetzt ist Herman Mashaba wirklich Rathauschef in Johannesburg. Bild: Getty

Er hat ein Shampoo für Schwarze auf den Markt gebracht und ist steinreich geworden: Jetzt ist der Unternehmer Herman Mashaba Bürgermeister von Johannesburg. Ganz ohne die Regierungs-Partei ANC.

          Herman Mashaba ist mit Shampoo reich geworden. „Black like me“ nannte er in den achtziger Jahren seine Haarpflegeserie, die ausschließlich für eine dunkelhäutige Klientel gedacht war. So etwas hatte es vorher in Südafrika noch nicht gegeben. In Zeiten der Rassentrennung klang der Markenname fast wie ein aufrührerischer Appell an die unterdrückte Mehrheit der Bevölkerung.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Dreißig Jahre später sorgt Mashaba wieder für Aufsehen. Der 56 Jahre alte Multimillionär kandidierte für das Bürgermeisteramt in der Wirtschaftsmetropole Johannesburg. Politische Ambitionen sind für die Vertreter der neuen schwarzen Oberschicht in Südafrika an sich nicht ungewöhnlich. Viele mischen in der Regierung mit, beispielsweise der ehemalige Bergbaumagnat und jetzige Vizestaatspräsident Cyril Ramaphosa.

          Doch Mashaba ging nicht für den regierenden Afrikanischen Nationalkongress (ANC) ins Rennen, der einst mit Nelson Mandela gegen die Apartheid gekämpft hatte. Ausgerechnet der „Black Like Me“- Gründer hatte sich der Oppositionspartei Democratic Alliance (DA) angeschlossen, die von 2007 bis 2015 von der deutschstämmigen Helen Zille geführt wurde und in weiten Teilen der Bevölkerung immer noch als „weiße Partei“ gesehen wird. Das hat ihm viel Häme eingebracht.

          „Ich wollte mein Land nicht im Stich lassen“

          Die Enttäuschung über den Wandel der einstigen Widerstandsbewegung seit den Tagen Mandelas hätten ihn zum Seitenwechsel getrieben, erklärt er in Interviews. In den ersten beiden freien Wahlen 1994 und 1999 habe er noch ANC gewählt, danach nur noch DA.

          Unter der Führung von Staatspräsident Jacob Zuma wird die Regierungspartei ANC gerade von heftigen Grabenkämpfen erschüttert. Eine Serie von Skandalen um Vetternwirtschaft und Selbstbereicherungen reißt nicht ab. Ein Gericht hatte vor kurzem 783 Anklagen gegen den Präsidenten wegen Korruption und Betrug wieder zugelassen.

          In einem anderen Verfahren bescheinigte das höchste Gericht Zuma mangelnden Respekt vor der Verfassung. Mashaba konnte all dem nicht mehr zusehen. Er hätte sich weiter aus der Politik heraushalten können, meint er. „Ich wollte mein Land nicht im Stich lassen.“

          Wie die meisten schwarzen Südafrikaner seines Alters wuchs er in ärmsten Verhältnissen auf. Die Mutter konnte mit ihrem Verdienst als Haushälterin kaum die Schule für die vier Kinder bezahlen. Angeblich soll er als Jugendlicher Marihuana verkauft haben, um sich etwas dazu zu verdienen. Trotz der knappen Mittel schaffte er es, zwei Jahre lang zu studieren. Dann wurde die Hochschule wegen politischer Proteste geschlossen.

          Es folgten Arbeitsplätze in einem Supermarkt und bei einem Möbelhersteller. Mashaba sparte seinen Verdienst, kaufte sich ein Auto, legte auf eigene Faust los: Aus dem Kofferraum verkaufte er in den Schwarzensiedlungen alles Mögliche von Feuerlöschern, Geschirr und Tischdecken bis zu Versicherungen. Schnell merkte er, dass Produkte wie Haarglätter besonders gefragt waren.

          Die Idee von „Black Like Me“ war geboren. Heute ist die Marke aus den Badezimmern schwarzer Haushalte nicht mehr wegzudenken, auch im Ausland. Mashaba, dessen Vermögen auf 100 Millionen Dollar geschätzt wird, verkaufte das Unternehmen 1997 an den Konsumgüterkonzern Colgate-Palmolive, kaufte es aber zwei Jahre später zurück. Jetzt führt er den Aufsichtsrat und ist an einer Vielzahl weiterer Unternehmen beteiligt, vom Bergbau bis zur Immobilienwirtschaft.

          Was er in der Wirtschaft aus eigener Kraft geschafft hat, will er jetzt auch als Bürgermeister erreichen. In Johannesburg schießen zwar Einkaufszentren und Geschäftsviertel mit glänzenden Hochhäusern wie Pilze aus dem Boden. Doch ein großer Teil der Bevölkerung lebt immer noch in Armut. Etwa jeder dritte jüngere Einwohner hat keine Arbeit. Infrastrukturprobleme und die hohe Kriminalität sind schwer in den Griff zu bekommen.

          „Ich will der Bürgermeister der Arbeitsplätze werden“, sagt der Unternehmerveteran, ein klarer Anhänger der freien Marktwirtschaft. Vor seiner Kandidatur leitete er die Free Market Foundation. Unverblümt beschreibt er sich als Kapitalisten, aber als einer, dem das Wohl der Armen am Herzen liegt. Einem Buch, in dem er die wirtschaftlichen und sozialen Herausforderungen des Landes analysierte, gab er den Titel „Kapitalistischer Kreuzritter“.

          Trotz der Turbulenzen in der Regierungspartei ANC war ein Sieg in Johannesburg kein leichtes Unterfangen. Es war der erste der Opposition seit dem Ende der Apartheid-Zeit vor mehr als 20 Jahren. Und Mashaba hat keine Erfahrung in der Politik. Mit erstaunlicher Offenheit gestand er vor kurzem ein, vor sechs Monaten noch nichts von seiner zweiten Karriere gewusst zu haben. Aber er lerne schnell.

          „Was ich geschafft habe, kannst auch du schaffen“

          Der anfängliche Jubel über den prominenten Kandidaten hat sich auch in seiner Partei mittlerweile etwas gelegt. Der selbstbewusste Seitenwechsler lässt sich ungern etwas vorschreiben, weicht auch mal von der Parteilinie ab. Seine Parteifreunde trauten ihren Ohren nicht, als er nach dem Brexit-Votum der Briten ausgerechnet seinen Parteigegner, Südafrikas Finanzminister, als Stabilitätsgarant rühmte. Auch mit seinem Lob für den früheren Londoner Bürgermeister und Brexit-Kämpfer Boris Johnson eckt er an. In Südafrika macht man sich Sorgen über die Folgen des Brexit für die eigene Wirtschaft.

          Letztlich aber geht es für Mashaba darum, die Millionen Menschen in Johannesburgs Armenvierteln zu überzeugen. Viele wählen teils aus Dankbarkeit die „Partei Nelson Mandelas“, teils aus Angst, bei einem Machtwechsel ihre Sozialhilfe zu verlieren. Staatspräsident Zuma heizt diese Sorgen im Wahlkampf kräftig an, indem er die DA als „Partei der weißen Unterdrücker“ brandmarkt. Seine Hoffnung bestehe darin, dass die Menschen auch mit dem Verstand wählten, sagt Mashaba - und sich an seinem eigenen Aufstieg ein Beispiel nehmen. „Black Like You“ - der Titel seiner Biographie - ist auch sein Slogan: „Was ich geschafft habe, kannst auch du schaffen.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Schlechte Laune im Osten? Das stimmt nicht so ganz.

          Ostdeutschland : Woher die schlechte Laune?

          Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.
          Pendler auf der London Bridge

          Mobilität : Wie London die Verkehrsflut meistert

          Die größte Stadt Europas baut ihr Bahnnetz aus und nutzt Big-Data-Analysen, um die U-Bahn zu verbessern. Ein anderes Verkehrsmittel soll hingegen aus der City verbannt werden – und das schon diesen Sonntag.
          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.