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Geldpolitik : Wo Helikopter-Geld am ehesten vom Himmel fällt

Geldschwemme 1923 in Deutschland: Damals wurde das frischgedruckte Geld in Körben getragen. Bild: akg-images

Ökonomen in vielen Ländern diskutieren gerade über „Helikoptergeld“. Vor allem in Japan gibt es Spekulationen über weitere Geldexperimente.

          Mit wenigen Worten hat Mario Draghi für Herzklopfen an den Finanzmärkten und unter Geldpolitikexperten gesorgt. „Helicopter-Money“ sei „ein sehr interessantes Konzept“, hatte der EZB-Chef im März in der Pressekonferenz gesagt. Als Helikopter-Geld bezeichnet man massenhaftes Geldverteilen einer Zentralbank in der Bevölkerung. Bildlich gesprochen geschähe dies per Abwurf aus dem Helikopter, praktisch denkbar wäre eine Zentralbank-Finanzierung einer Steuersenkung oder eines Staatsausgabenpaket. Draghis Worte lösten eine Welle von Spekulation aus, dass Europas Zentralbank im Kampf um höhere Inflationsraten auch zum extremen Mittel des „Helikopter-Money“ greifen könnte.

          Philip Plickert

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Volkswirt“.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          „Ja, alle Zentralbanken können es tun. Sie können Währung ausgeben und diese unter die Leute verteilen“, bestätigte EZB-Chefvolkswirt Peter Praet zwei Wochen nach Draghis Pressekonferenz. Praet sprach allerdings von einem „wirklich extremen Instrument“. Es gebe aber zuvor andere Dinge, die die Zentralbank noch tun könne. "Unser Werkzeugkasten ist nicht leer", versicherte Praet. Kurz darauf kam harscher Widerspruch gegen die Helikoptergeld-Gedankenspiele von Bundesbankchef Jens Weidmann, der aber die Debatte zunächst nicht ersticken konnte. „Helikoptergeld ist kein Manna, das vom Himmel fällt, sondern würde riesige Löcher in die Notenbankbilanzen reißen“, warnte Weidmann. „Ob und wie Geld an die Bürger verschenkt wird, ist eine hochpolitische Entscheidung, die Regierungen und Parlamente fällen müssten.“

          Die Notenbanken hätten dazu kein Mandat, auch weil damit eine massive Umverteilung verbunden wäre, so der deutsche Notenbankchef. Der frühere EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing bezeichnete ein mögliches Helikoptergeld als „Bankrotterklärung“ der Geldpolitik. Erst nachdem die Spekulation und auch die Kritik immer heftiger wurden, ruderten Spitzenvertreter der Europäischen Zentralbank zurück. Sowohl Direktoriumsmitglied Benoit Coeuré als auch Praet versicherten, dass es keine konkrete Diskussion über Helikoptergeld gebe.

           „Unser Werkzeugkasten ist nicht leer“: EZB-Chefvolkswirt Peter Praet

          Doch ganz erstickt sind die Debatten deshalb nicht. Auf der EZB-Pressekonferenz an diesem Donnerstag wird es sicherlich wieder Fragen an Draghi zu dem heißen Thema geben. Schon seit Monaten rühren besonders in der angelsächsischen Finanzpresse einflussreiche Kommentatoren die Werbetrommel für Helikoptergeld. Drei Londoner Analysten der Deutschen Bank schreiben in einem aktuellen Papier, dass eine solche monetäre Finanzierung von Ausgaben ihrer Meinung nach „wahrscheinlicher ist als gemeinhin angenommen wird“ – allerdings glauben sie, das Experiment könnte als erstes in Japan gewagt werden. Das Argument der Befürworter von Helikoptergeld lautet: Da die bisherigen Möglichkeiten der Geldpolitik ausgereizt seien, bliebe als letztes Mittel nur noch der Geldabwurf, der die Nachfrageschwäche überwinden und die Inflationsrate anheben soll. Derzeit liegt die Inflation – vor allem gedrückt durch den Ölpreisverfall – bei null Prozent.

          Die bisherige expansive Geldpolitik der EZB ist tatsächlich schon nahe an die Grenze des Möglichen geraten. Zuletzt hat sie den Leitzins auf null Prozent gesenkt, den Strafzins für Einlagen von Banken bei ihr auf minus 0,4 Prozent verschärft und die „Quantitative Lockerung“ durch Anleihekäufe auf monatlich 80 Milliarden Euro erhöht. Die Bilanzsumme der EZB hat durch die Käufe mittlerweile rund 3 Billionen Euro erreicht. Eine noch weitere Aufstockung der Anleihekäufe könnte schwierig werden, denn dann würde die EZB an selbstgesetzte Schwellenwerte stoßen. Sie wollte höchstens ein Drittel der jeweiligen nationalen Staatsschulden aufkaufen. In einigen kleineren Ländern nähert sie sich dieser Grenze. Der Markt erwartet von Draghi in diesem Jahr allenfalls noch, dass er den Negativzins auf Einlagen noch einmal geringfügig verschärft – dann wäre das Ende der Fahnenstange erreicht.

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