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Heinz Kluncker tot : Er erschütterte die Brandt-Regierung

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Freund und Feind nannten ihn „der Dicke”: Heinz Kluncker Bild: picture-alliance / dpa

Der Monatslohn für Arbeiter, die 40-Stunden-Woche oder das 13. Monatsgehalt, diese Tarifpolitik trug seinen Namen: Heinz Kluncker: Jetzt ist der einst so mächtige Gewerkschaftsboss gestorben.

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          Er war einmal der mächtigste Gewerkschaftsführer in Deutschland, und er bescherte der Republik die heftigste Tarifauseinandersetzung im Öffentlichen Dienst: Der langjährige Vorsitzende der ehemaligen Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV), Heinz Kluncker, ist am Donnerstag in Stuttgart kurz nach seinem 80. Geburtstag gestorben.

          Als „der Dicke“, wie er von Freund und Feind genannt wurde, im Februar 1974 drei Tage lang die Republik bestreikte und dadurch der Müll auf der Straße liegen blieb und keine Busse mehr verkehrten, merkte selbst sein Parteifreund Willy Brandt, daß knallharter Gewerkschaftswille über den Interessen der Partei liegt. Kluncker wußte damals, daß der Kanzler sich auf eine Lohnleitlinie von unter zehn Prozent festlegte. Doch mit seinen Männern von der Müllabfuhr setzte das Schwergewicht elf Prozent durch. Der unpopuläre Streik soll nicht unwesentlich zum Rücktritt Brandts beigetragen haben. Kluncker hat dieser Vorwurf tief getroffen, sich aber selbst dazu nie öffentlich geäußert.

          Von 1964 bis 1982 ÖTV-Chef

          Kluncker, der von 1964 bis 1982 als ÖTV-Chef bahnbrechende Abschlüsse tätigte, war sehr oft „der Buhmann der Nation“. Kurz nach seinem Amtsantritt schaffte er eine Arbeitszeitverkürzung im öffentlichen Dienst auf 44 Stunden. Weitere tarifpolitische Meilensteine in der Ägide von Kluncker waren 1970 der Monatslohn für Arbeiter, 1972 die 40-Stunden-Woche und 1973 das 13. Monatsgehalt. Schon in den 70er Jahren warnte Kluncker auch seine Parteifreunde vor den „Lohnverzichtstheorien“ - ein Thema, das sich bis heute nicht geändert hat.

          Tarifverhandlungen 1970 (v.r.) Kluncker, Innenminister Genscher, Stuttgarts OB Klett

          „Lohnverzicht bringt nichts“

          Kluncker vertrat stets die Meinung: „Lohnverzicht bringt auch den Arbeitslosen nichts, sondern führt nur zu einer weiteren Konzentration der Vermögen.“

          „Knall auf Fall“ und selbst für seine engsten Freunde völlig überraschend legte der 270 Pfund schwere bullige Gewerkschaftsboß am 2. Juni 1982 den Vorsitz der ÖTV nieder. Ins beschauliche Privatleben zog sich Kluncker aber nicht zurück. Als Präsident der Internationale der Öffentlichen Dienste (IÖD) kämpfte er auch dann noch weiter gegen die Unterdrückung der Gewerkschaftsarbeit in vielen Ländern. Schon in den 60er Jahren scheute er sich nicht, in türkischen Gefängnissen gegen die Praktiken der früheren Militärjunta zu Felde zu ziehen. Kluncker war auch der erste deutsche Gewerkschaftsführer, der nach dem Krieg Kontakte in den Ostblock aufnahm. Bereits 1965 reiste er hinter den „Eisernen Vorhang“, um die Rechte der Arbeitnehmer auch im Osten zu stärken.

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