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Heimlicher Wahlsieger Corbyn : Britanniens neuer Volkstribun

Plötzlich populär: Jeremy Corbin ist der heimliche Sieger der britischen Parlamentswahl Bild: Reuters

Nach der Parlamentswahl in Großbritannien ist Jeremy Corbyn der Mann der Stunde. Der Altsozialist erfindet mit Ideen von vorgestern die britische Linke neu – und überzeugt damit vor allem junge Wähler.

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          Es war am frühen Freitagmorgen, als der große Gewinner dieser Wahlnacht ins Scheinwerferlicht trat. „Wissen Sie was?“, sagte Jeremy Corbyn zu den wartenden Journalisten: „Die Politik hat sich geändert. Die Politik wird nicht wieder zurückgehen in die Kiste, wo sie vorher war“, verkündete Großbritanniens neuer linker Volkstribun. „Die Leute haben wirklich genug vom Sparkurs, sie haben wirklich genug von den Einschnitten bei den öffentlichen Ausgaben, der Unterfinanzierung des Gesundheitswesens, der Unterfinanzierung unserer Schulen, unseres Bildungssystems und davon, dass unsere jungen Menschen in unserer Gesellschaft nicht die Chance bekommen, die sie verdienen.“ Der 68 Jahre alte Sozialist Corbyn hat die Parlamentswahl in Großbritannien nicht gewonnen: Die amtierende Premierministerin Theresa May und ihre Konservativen haben am Donnerstag mehr Sitze im Londoner Unterhaus erobert als Corbyns sozialdemokratische Labour Party.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und trotzdem heißt der Überraschungssieger dieser Wahlnacht Jeremy Corbyn. Mit einem radikal linken Wahlprogramm, das in manchen Passagen wirkte, als sei es mit einer Zeitmaschine aus den siebziger Jahren ins 21. Jahrhundert gebeamt worden, hat er alle Erwartungen übertroffen – und die zuvor desolate britische Sozialdemokratie zu einem verblüffenden Comeback geführt. Statt der vernichtenden Niederlage, die Labour lange prophezeit worden war, hat die Partei gegenüber der letzten Wahl deutlich hinzugewonnen.

          Corbyns Erfolg ist ein Kuriosum

          Die gebeutelte Wahlsiegerin May hat zwar nicht vor, den Regierungssitz in der Londoner Downing Street zu räumen. Sie will, obwohl sie die Abgeordnetenmehrheit verloren hat, weitermachen und eine Minderheitsregierung bilden. Aber weil diese aller Voraussicht nach labil sein wird, könnte es bald schon wieder Neuwahlen geben – und Corbyn damit eine weitere Chance erhalten.

          Der Erfolg des Linksaußen ist ein Kuriosum: Es ist ihm gelungen, mit den politischen Rezepten von vorgestern eine junge Generation von Wählern zu gewinnen. So ultraorthodox seine politische Agenda ist, so modern war sein Wahlkampf: Gegen den erbitterten Widerstand einer überwiegend feindlichen Presse hat er seine Botschaften unters Volk gebracht, indem er auf soziale Medien wie Facebook setzte. So erreichte Corbyn junge, internetaffine Briten ungefiltert und direkt. Zugleich hat der Mann, der von den britischen Medien gerne als rhetorische Schlaftablette beschrieben wird, bei seinen Wahlkampfauftritten massenweise Publikum angezogen.

          Während May verspannt und an schlechten Tagen fast roboterhaft durch ihren Wahlkampf stakste, wirkte der Herausforderer zugewandt und wie einer, der mit sich selbst im Reinen ist. Mit dem Sozialisten erlebt in Großbritannien die traditionelle politische Linke, die dort eigentlich seit drei Jahrzehnten totgeglaubt war, eine erstaunliche Auferstehung. Corbyns Vertrauen in die starke Hand des Staates wird offenbar nur von seinem Misstrauen gegenüber der Marktwirtschaft übertroffen: Die wohl schlagzeilenträchtigste Ankündigung seines Labour-Wahlprogramms war im Mai der Plan, die Eisenbahnen und die Post wieder zu verstaatlichen – was Umfragen zufolge bei vielen Briten durchaus populär ist. Corbyn will einen „Nationalen Transformationsfonds“ schaffen, der binnen zehn Jahren umgerechnet mehr als 280 Milliarden Euro in die britische Infrastruktur investieren soll.

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