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Hayek-Gesellschaft : Streitbare Geister der Freiheit

Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek Bild: DARCHING

Ab wann ist der Liberale (zu weit) rechts? Die Hayek-Gesellschaft streitet über das „richtige“ Freiheitsverständnis und zerfleischt sich über ihre Ausrichtung.

          Wenn die Liberalen der Hayek-Gesellschaft an diesem Freitag zu ihrer Jahresversammlung bitten, steht ausnahmsweise nicht der Staat am Pranger. Es geht nicht um das richtige Maß der Bankenregulierung, kühne Gedanken über eine freiheitliche Geldordnung oder die wettbewerbsfeindlichen Fehlanreize klimapolitischer Planwirtschaft. Was immer in Leipzig auf dem Programm steht – es ist hinfällig, seit in der Gesellschaft ein von persönlichen Animositäten befeuerter, erbitterter Streit offen ausgebrochen ist über das „richtige“ Freiheitsverständnis der Hayekianer. Was darf man sagen oder schreiben im Namen der Gesellschaft, deren Zweck es ist, die Gedanken des 1992 verstorbenen großen österreichischen Liberalen und Nobelpreisträgers Friedrich August von Hayek zu verbreiten? Ab wann ist der Liberale (zu weit) rechts?

          Heike Göbel

          Verantwortliche Redakteurin für Wirtschaftspolitik, zuständig für „Die Ordnung der Wirtschaft“.

          Der Streit entzündet sich an einem Artikel, den die Vorsitzende der Gesellschaft, Karen Horn, eine ehemalige Redakteurin der F.A.Z., Mitte Mai in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung veröffentlicht hat. Unter der Überschrift „Die rechte Flanke der Liberalen“ sieht Horn eine Unterwanderung der liberalen Szene durch Reaktionäre. Horn nennt keine Namen, aber Beispiele. Aus ihrer Sicht etwa widerspricht es liberalem Denken, den Staat durch Festhalten an den steuerlichen Vorteilen des Ehegattensplittings zur Privilegierung von Alleinverdienerehen zu ermuntern – und damit zur Diskriminierung anderer Lebensgemeinschaften aufzufordern. Ihrem liberalen Verständnis nach könnte man sich auch „die entwürdigende Debatte über die ,Homo-Ehe‘ sparen, wenn der Staat hier gar nicht erst seine Finger im Spiel hätte“, die Ehe also einfach ein „privater Vertrag von Liebenden, die füreinander einstehen“ wäre.

          Den Geist der Freiheit ausleben

          Horn teilt kräftig aus. Wenn der Staat nicht helfe, konservative Ideale zu verwirklichen, beginne „die Pöbelei“ der Reaktionäre, die „dramatisch schlechte Manieren“ hätten. Am Stammtisch würden Vorurteile gepflegt. Üble Nachrede gegen Keynesianer und Sozialisten sei man ja gewohnt, nun kämen „Demokratie, Feminismus, Pluralität, Homosexualität und Atheismus als Feindbilder dazu“. Mit der AfD wettere man gegen die „Multi-Kulti-Umerziehung“. Man verbrüdere sich mit „einem Thilo Sarrazin“. „Diese Leute schreiben und sprechen mit Dauerschaum vor dem Mund“, wettert Horn und warnt, der Liberalismus komme aktuell an einen Punkt, an dem sich sein Schicksal entscheide. Gelinge es nicht, sich von den Reaktionären zu befreien und der „liberalen Ethik von Offenheit und Toleranz den gebührenden Raum zu verschaffen“, verliere der Liberalismus seine Seele.

          Einem Teil der Hayek-Gesellschaft hat sie aus dem Herzen gesprochen, sehr viele Mitglieder aber vor den Kopf gestoßen. 26 von ihnen fordern in einem offenen Brief Horns Rücktritt. Den Artikel „können wir nur als Versuch verstehen, der Gesellschaft ein einseitiges und verengtes Liberalismusverständnis aufzuzwingen und große Teile der Mitgliederschaft als ,reaktionär‘ auszugrenzen. Wir empfinden diesen Beitrag als Verunglimpfung und Denunziation, der uns und andere tief verletzt hat und die Gesellschaft spalten wird“, heißt es in dem Schreiben, unterzeichnet von den ehemaligen Bundestagsabgeordneten Vera Lengsfeld (CDU) und Frank Schäffler (FDP), den Ökonomen Christian Watrin, Alfred Schüller, Roland Vaubel oder dem Soziologen Erich Weede. Die Gesellschaft brauche an der Spitze jemanden, der den Geist der Freiheit vorlebe. Einen Rücktritt hat Horn ausgeschlossen. Sie werde nicht weichen.

          Weede, 1998 einer der Mitbegründer der Hayek-Gesellschaft, wirft Horn in einem Artikel in der „Jungen Freiheit“ überdies vor, „sich den Geboten der Politischen Korrektheit“ zu unterwerfen. Er wisse nun, dass er für Horn ein Reaktionär sei, „vermutlich Schlimmeres“. Auch inhaltlich widerspricht er ihr. Wenn sie das Ehegattensplitting abschaffen wolle, laufe das für die meisten Ehepaare auf eine Steuererhöhung hinaus. Er finde es befremdlich, eine solche Forderung ausgerechnet von der Vorsitzenden der Hayek-Gesellschaft zu hören. Schließlich seien Hayekianer einer Ausweitung der Staatstätigkeit gegenüber kritisch eingestellt.

          Der Streit ist „peinlich illiberal“

          Auch der Publizist Günther Ederer stört sich an Horns Definition dessen, was liberal sei. Niemandem sei zu vermitteln, „warum Ehegattensplitting und Familien, die sich persönlich um ihre Kinder kümmern, für Karen Horn schon als Zeichen einer reaktionären Gesinnung gelten“, antwortete ihr Hayek-Mitglied Ederer in der jüngsten Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mit Blick auf das Jahrestreffen in Leipzig beziehen immer mehr Mitglieder der Hayek-Gesellschaft (der auch die Autorin dieses Artikels angehört) in einem heftigen Mailwechsel Position. Zuletzt mehren sich Stimmen, die die Wogen glätten wollen. Nicht jeder versteht, warum der Versuch der Vorsitzenden, ihr Verständnis von Liberalismus darzulegen, auf solche Empörung stößt. Und so mancher teilt Horns Sorge, dass man sich am rechten Rand nicht scharf genug abgrenze. Andere warnen freilich, der Streit gleiche einer „Provinzposse“, er sei „peinlich illiberal“ und spiele bloß den Falschen in die Hände: „Der Liberalismus dämmert auf dem Siechenbett dahin und nun übt sich auch noch die Hayek-Gesellschaft im Grabenkampf. Da kann man nur hoffen, dass sich die Feinde der freien Gesellschaft darob zu Tode lachen!“, heißt es in einer Mail erbittert. Manche fürchten, es wurde schon zu viel Porzellan zerschlagen. Horn habe ungeschickt auch viele Leute aufgebracht, die nicht am rechten Rand stünden, sondern bloß etwas konservativ seien.

          Was Hayek den Streithähnen sagen würde? Auf der Internetseite ihrer Gesellschaft lässt sich ein mahnendes Zitat finden: „Wir werden die Vorteile der Freiheit nie genießen, nie jene unvorhersehbaren Entwicklungen erreichen, für die sie die Gelegenheit bietet, wenn sie nicht auch dort gewährt ist, wo der Gebrauch, den manche von ihr machen, nicht wünschenswert erscheint.“

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