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Hausärztliche Versorgung : Das Monopol der Ärzte soll geknackt werden

Angriff auf die bestehenden Strukturen
          2 Min.

          Erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik hat eine Krankenkasse die gesamte hausärztliche Versorgung für mehrere Millionen Versicherte bundesweit ausgeschrieben. Die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) Baden-Württemberg schickt sich damit an, das seit 75 Jahren geltende Versorgungsmonopol der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) aufzubrechen. Der Deutsche Hausärzteverband kündigte gegenüber dieser Zeitung an, man wolle sich an der Ausschreibung beteiligen. Dagegen nannte der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) Andreas Köhler das Vorgehen der AOK einen „Angriff“ auf die bestehenden Strukturen. Damit werde „die flächendeckende vertragsärztliche Versorgung massiv gefährdet“. Die AOK äußerte sich nicht.

          Andreas Mihm
          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.

          Grund für die heftige Reaktion der KBV ist die Tatsache, dass den Kassenärzten im Falle eines Vertragsabschlusses mit dem Wettbewerber, etwa dem Hausärzteverband, Honorar entgeht. Bislang erhalten die 16 KV von den Kassen Geld für die Sicherstellung der ärztlichen Versorgung und verteilen es nach eigenen Maßstäben an die Arztgruppen. Im Gegenzug muss jeder zugelassene Kassenarzt jeden Kassenpatienten behandeln. Werden, was seit der Gesundheitsreform möglich ist, an den KV vorbei Versorgungsverträge abgeschlossen, wird ihnen das Honorar vom Honorarvolumen abgezogen.

          Die Ausschreibung ist erst der Anfang

          Allein für die ausgeschriebene hausärztliche Versorgung in Baden-Württemberg rechnen Fachleute mit einem Honorarbetrag von mehr als einer Milliarde Euro im Jahr. Zudem wird erwartet, dass die Ausschreibung hausärztlicher Leistungen erst der Anfang ist und bald fachärztliche Angebote am KV-System vorbei ausgeschrieben werden. In der Region Kassel hatte der Ersatzkassenverband kürzlich die hausärztliche Versorgung ausgeschrieben und damit bei den dortigen Ärzten für Empörung gesorgt. Würden flächendeckend neue medizinische Anbieter zum Zuge kommen, wäre das KV-System ausgehöhlt. Es war als Reaktion auf wilde Streiks von Ärzten, die sich von den Kassen nicht ausreichend bezahlt fühlten, durch die Brüningschen Notverordnungen 1932 entstanden, um die medizinische Versorgung sicherzustellen. Heute sehen viele Ärzte die Zwangsmitgliedschaft in der KV kritisch, weil sie in ihr den verlängerten Arm der Regierung sehen.

          Der Hausärzteverband, aber auch andere Mediziner-Bünde sehen in den Ausschreibungen eine Chance, aus dem KV-System auszubrechen. „Die Ärzte wollen aus dem System raus, das kommt bei den Krankenkassen an“, sagt der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands Ulrich Weigeldt. Er war im Sommer wegen des Richtungsstreits als zweiter Chef der KBV vorzeitig abgelöst worden.

          Bis Mittwoch können Gebote abgegeben werden

          Gebote auf die Ausschreibung der AOK, die mit ihren Arzneimittelrabattverträgen Furore gemacht hatte, müssen bis Mittwoch vorliegen. Zu den Bedingungen zählt, dass mindestens 3000 Hausärzte in Baden-Württemberg teilnehmen, dass sie eine elektronische Patientenakte führen und ihre Abrechnung elektronisch abwickeln, dass sie „mindestens eine Abendsprechstunde in der Woche“ durchführen und bei der Arzneimittelverordnung Preisvergleiche und Rabattverträge der Kasse berücksichtigen. Mitte kommender Woche will die AOK festlegen, mit welchem Partner - viel Auswahl hat sie kaum - sie in Verhandlungen tritt. Der Vertrag soll Mitte nächsten Jahres in Kraft treten.

          Der Hausärzteverband sieht sich in der Lage, die Anforderungen zu erfüllen. Schon heute wickle man Verträge mit Krankenkassen im Volumen von 220 Millionen Euro im Jahr ab, sagte Weigeldt. Beteiligt seien 2,5 Millionen Patienten und 40.000 Ärzte. Sollte man den Zuschlag erhalten, könnten sich auch Nichtmitglieder für eine Teilnahme bewerben. Vorteile für die Ärzte seien weniger Bürokratie und mehr Geld. Kassen und Patienten könnten auf eine bessere und kostensparende Versorgung rechnen. Für die Patienten würde sich nicht viel ändern, meint Weigeldt. Sie müssten sich, wie teils heute auch, in das Programm einschreiben und sich an ihren Hausarzt für ein Jahr binden. Davor warnt die KBV.

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