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Hartz-Reform : Zwanzig-zehn: Das Agenda-Jahr kommt

  • -Aktualisiert am

Gerhard Schröder hatte die Idee, Doris Schröder-Köpf den Namen Bild: ddp

Ein Wort und eine Zahl standen für das rot-grüne Reformprogramm, das Steuern, Rente, Familie, Gesundheit und Arbeitsmarkt umkrempeln sollte: Agenda 2010. Damals klang das noch angenehm weit weg. Jetzt dauert es nur noch wenige Tage bis 2010. Wir blicken zurück: Wie kam der Name zur Reform?

          In einem Halbsatz blitzte der Name erstmals auf: „Unsere Agenda 2010 enthält weitreichende Strukturreformen . . .“ Wer kurz nicht aufpasste in den ersten zehn Minuten von Gerhard Schröders Regierungserklärung verpasste das Stichwort: Agenda 2010. Viel mehr Anmoderation gab es nicht am 14. März 2003. Ein Wort und eine Zahl standen für das rot-grüne Reformprogramm, das Steuern, Rente, Familie, Gesundheit und Arbeitsmarkt umkrempeln sollte.

          Aber erst 2010. Erst in der Zukunft sollte es so richtig losgehen. 2010 klang 2003 noch angenehm weit weg, aber nah genug, dass man schon die Konturen der Zukunft erahnen konnte. Heute sind sie erkennbar: Bis 2010 dauert es noch wenige Tage. „Wir dachten, dass diese Jahreszahl positive Assoziationen weckt: Hoffnung und Optimismus“, sagt Thomas Steg. 2003 war er stellvertretender Regierungssprecher. Heute, nach dem verlorenen Wahlkampf, überlegt er gerade, welches Jobangebot er annehmen soll. „Wir wollten den Bürgern damals klarmachen, dass die Reform erst in ein paar Jahren greift. Aber dass sie das Land nachhaltig verändern wird.“ Dass die SPD noch eine Legislaturperiode braucht.

          Doris Schröder-Köpf erfand die Marke

          Viel länger als die Wähler kannte Steg das A-Wort nicht. Am Montag vor der Regierungserklärung habe er es das erste Mal gehört, sagt er. „Bis zuletzt hatte die Rede keine eingängige Überschrift“, schreibt Schröder in seinen Memoiren. Seine Frau Doris Schröder-Köpf erfand die Marke Agenda 2010. Für Aufträge an Werbeagenturen blieb keine Zeit. Schröder probierte das Wort an engen Mitarbeitern aus, und alle fanden es griffig. Erst später ging die Kritik los: zu technokratisch, zu lateinisch.

          Für die Inszenierung blieb auch keine Zeit. Eigentlich wollten Stegs Strategen den Kanzler für die große Reformrede an einen historischen Ort stellen. Aber die Opposition drängelte: Man werde Schröder per Antrag zur Regierungserklärung zwingen, drohte die FDP. „Wir konnten schlecht Minister Clement ins Parlament vorschicken und drei Wochen später den Kanzler in einen barocken Saal stellen“, sagt Steg.

          Das Wort Agenda schien Schröder einprägsam, neu, und er konnte sich damit auch noch europäisch geben. Auf EU-Gipfeln wurde ja dauernd eine Agenda beschlossen.

          „Zwanzig-zehn klang für mich nach Kölnischwasser“

          Wenn Stefan Ramge heute an Agenda 2010 denkt, dann denkt er an lange Listen. Ewige Arbeitssitzungen bedeutete die Reform für den damaligen Referatsleiter Arbeitsmarktpolitik im Kanzleramt. Im Maschinenraum der Agenda 2010 hatte niemand Zeit, über den Sinn dieses Titels zu sinnieren. „Gelacht haben wir darüber manchmal“, erinnert sich Ramge. „Agenda zwanzig-zehn, klingt wie eine Bestellnummer.“ Denn wer sagte zweitausendzehn? Alle sagten zwanzig-zehn. Nur Béla Anda nicht, darauf legt der damalige Regierungssprecher Wert. „Ich habe früh 2010 gesagt. Zwanzig-zehn klang für mich nach Kölnischwasser, wie ,siebenundvierzig-elf'.“ Anda ist heute Kommunikationschef eines Finanzdienstleisters.

          Sein Ex-Sprecherkollege Steg begriff dagegen erst in den Tagen der Proteste, wie sich „zwanzig-zehn“ für die Bürger anhörte: „Als würde etwas halbiert - erst 20, dann 10. Nur noch halb so viel Sozialstaat wie vorher.“ Spätestens dann sagte auch er nur noch die Jahreszahl. Der Kommunikationsapparat habe es aber geschafft, sagt Steg, das Wort Agenda einigermaßen positiv zu besetzen. „Niemand hat gegen die Agenda 2010 demonstriert. Hartz war das Hasswort, Agenda allenfalls ein Reizwort.“ Trotzdem könnte sich heute wohl kein Politiker ein „Agenda“-Programm leisten, glaubt Steg.

          Das sieht Béla Anda anders: „Die neue SPD-Führung sollte den Mut haben, das Programm jetzt selbstbewusst fortzuschreiben - als Agenda 2020!“

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