https://www.faz.net/-gqe-8vg9o

Handelspolitik : Auf wen sollte Deutschland setzen?

Der Handel mit China floriert, doch die Macht im Osten ist keine Demokratie. Bild: dpa

In stürmischen Zeiten sind starke und verlässliche Handelspartner entscheidender denn je. Wenn sich ein alter Freund wie Amerika von den gemeinsamen Zielen abwendet, was liegt da näher, als sich nach neuen Freunden umzuschauen? Ein Kommentar.

          Auf die deutschen Exporteure ist Verlass. Unbeirrt von der schwächelnden Weltwirtschaft, dem lahmenden globalen Handelswachstum und der anschwellenden Ablehnung der Globalisierung haben sie im vergangenen Jahr ihre Handelsbeziehungen ausgebaut. Das Exportvolumen stieg im siebten Jahr in Folge, der Anteil der Ausfuhr an der gesamten Wirtschaftsleistung betrug fast 39 Prozent. Das ist das Fundament, auf dem die deutsche Volkswirtschaft steht.

          Maja Brankovic

          Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Die Erfolgsformel der Handelsnation Deutschland geht weiterhin auf, könnte die Botschaft der offiziellen Statistik lauten. Doch zum Jubeln ist trotzdem den wenigsten zumute. Denn in Zeiten von Donald Trump, autokratischen Regierungen in Russland und der Türkei und einer EU, die immer mehr Vertrauen einbüßt, wackelt die Ordnung der Welt, die vielen bislang als selbstverständlich galt.

          Bedrohlich ist das, weil das deutsche Wirtschaftsmodell auf eine starke und erfolgreiche Außenwirtschaft angewiesen ist. Gerade vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, mit welchen Partnern die deutsche Wirtschaft ihre engsten Handelsbeziehungen pflegen, auf welche bilateralen Partnerschaften sie in Zukunft setzen sollte, heute vielleicht mehr denn je.

          Die Partnerschaft bröckelt

          Ein Blick in die Statistik zeigt: Wichtigstes Zielland für deutsche Exporteure waren, wie schon im Jahr zuvor, die Vereinigten Staaten. Rund 9 Prozent ihrer Gesamtausfuhr, fast 107 Milliarden Euro, verkauften hiesige Unternehmen auf dem amerikanischen Markt. Das ist zwar viel – doch die Partnerschaft bröckelt. In einem Jahr, in dem der deutsche Außenhandel einen neuen Rekordstand erreichte, ging ausgerechnet das Handelsvolumen mit den Vereinigten Staaten deutlich zurück, und zwar auf Export- wie auf Importseite. Die Konsequenz: Waren die Vereinigten Staaten im Jahr 2015 auch dann noch der wichtigste Handelspartner, wenn man Ein- und Ausfuhren zusammennahm, fielen sie im vergangenen Jahr in dieser Gesamtrechnung auf den dritten Rang zurück. Hinter den ehemaligen Spitzenreiter Frankreich und hinter die Chinesen, die mit einem Handelsvolumen von rund 170 Milliarden Euro erstmals alle Nationen überholten.

          Die deutschen Exporteure haben diesen Vormarsch schon lange auf dem Schirm. Für sie ist die Nachfrage aus China zwar bei weitem nicht so wichtig wie jene der Amerikaner. Es wäre aber zu kurz gegriffen, die wirtschaftliche Bedeutung Chinas auf das Interesse deutscher Verbraucher an günstigen Kleidern und Smartphones aus Fernost zu reduzieren. Auch weil die deutschen Unternehmen immer mehr Autos und Maschinen an die Chinesen verkauften, ist die Handelsbeziehung heute so eng. Die Brisanz dieser Entwicklung ist nicht zu unterschätzen. Denn in stürmischen Zeiten sind starke und verlässliche Handelspartner entscheidender denn je. Wenn sich ein alter Freund von den gemeinsamen Zielen abwendet, was liegt da näher, als sich nach neuen Freunden umzuschauen?

          Es ist zu früh, Amerika als Wachstumsmarkt abzuschreiben

          Das große Potential, das in der deutsch-chinesischen Partnerschaft schlummert, könnte deshalb noch wichtiger werden. Das haben die wichtigen Akteure längst erkannt. Gleich nach der Wahl in Amerika brachte sich der chinesische Präsident Xi Jinping als Verfechter der freien Märkte in Stellung. Nicht wenige haben seinen Ruf erhört: Ökonomen betonen wieder verstärkt, wie groß das Wachstumspotential der chinesischen Wirtschaft – im Gegensatz zur amerikanischen – noch immer ist; Wirtschaftsverbände wenden ihre Hälse fast demonstrativ in Richtung Fernost; auch Berlin positioniert sich chinafreundlich. Allerdings wirft das Wirtschaftsministerium einen zunehmend kritischen Blick auf das Übernahmegeschehen. Immer öfter kaufen chinesische Unternehmen deutsche Firmen, ohne dass sich China gegenüber deutschen Beteiligungen im eigenen Land ähnlich aufgeschlossen zeigt.

          Ob China der richtige Partner im Kampf für eine offene Wirtschaft ist, darf nicht nur deswegen bezweifelt werden. Regelmäßig verstößt Peking mit Dumpingexporten gegen das globale Handelsrecht. Zudem muss der wirtschaftliche Pragmatismus groß sein, um darüber hinwegzusehen, dass die Handelsmacht im Osten keine Demokratie ist und es mit den Menschenrechten nicht so genau nimmt.

          Es ist auch zu früh, Amerika als Wachstumsmarkt abzuschreiben. Zwar schwindet mit der Ernennung des Protektionisten Wilbur Ross als Handelsminister die Hoffnung auf eine freiere Handelspolitik. Doch die globalen Wertschöpfungsketten sind zu verstrickt, als dass sich das Land elegant aus dem Weltmarkt herausziehen könnte. Gerade die deutschen Kernindustrien – die Automobilbranche, die Pharmakonzerne, der Maschinenbau – sollten daher weiter auf ihren Handelspartner im Westen setzen. Ihr Angebot werden die Amerikaner dankend annehmen.

          Die jüngsten politischen Verschiebungen unterstreichen jedoch auch, dass sich eine Exportnation nicht zu sehr auf einen Partner verlassen sollte. Gerade das hat die deutsche Wirtschaft nie gemacht, sondern traditionell von vielfältigen Produkten und Beziehungen profitiert. Statt zu sehr mit China zu liebäugeln, sollte sie sich lieber auf diese Stärke besinnen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Handelsabkommen mit Bolsonaro : Berlin ist dafür, Paris dagegen

          Die Bundesregierung will das Mercosur-Freihandelsabkommens ratifizieren. Frankreich und andere EU-Staaten hatten wegen der Haltung Brasiliens zu den Bränden am Amazonas eine Blockade gefordert. Droht kurz vor dem G-7-Gipfel Streit zwischen Berlin und Paris?
          Wer macht’s? Annalena Baerbock und Robert Habeck

          Grüne Kanzlerkandidatur : Baerbock oder Habeck?

          Die grüne Spitze kommt gut an. Doch Annalena Baerbock und Robert Habeck wollen nicht darüber reden, wer Kanzlerkandidat wird und mit wem sie im Bund koalieren wollen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.