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Halb privat finanzierte Stipendien : „Hochschule ist nicht allein Sache des Staates“

Studenten im Hörsaal Bild: ZB

Der Bundesrat hat den Weg freigemacht für ein nationales Stipendienprogramm. In Nordrhein-Westfalen hat man mit den zur Hälfte privat finanzierten Stipendien überwiegend gute Erfahrungen gemacht.

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          Natürlich war Britta Freis anfangs skeptisch. Wie sollte das gehen? In nur acht Wochen sollte sie zum Wintersemester 2009/2010 Hunderte private Förderer und Unternehmen fragen, ob sie jeweils die Hälfte eines Stipendiums von 3600 Euro für einen Studenten an der Universität Bochum übernehmen. „Es hat aber erstaunlich gut geklappt. Wir haben 125 Stipendien eingerichtet“, berichtet Freis, die an der Ruhr-Universität die Stabsstelle Stiften, Fördern & Alumni leitet. Sie schwärmt von den neuen Möglichkeiten des halb öffentlich, halb privat finanzierten Stipendienprogramms. „Damit können wir ganz neue Kreise von Förderern für die Hochschule erschließen, die direkt begabte und auch sozial engagierte Studenten unterstützen.“ Für viele, die eine Hälfte der monatlich mit 300 Euro dotierten Stipendien stiften, erwachse daraus eine persönliche Beziehung zu dem geförderten Studenten.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Und für viele Unternehmen sei es eine Chance, aussichtsreiche junge Leute kennenzulernen. „Die sehen die Stipendien als ein Recruiting-Instrument“, sagt Freis. Wenig Erfolg hatte ihr Werben um Spenden allerdings bei den Großunternehmen der Region. Diese seien sehr zögerlich gewesen, anders als die kleinen und mittleren Unternehmen aus der Umgebung. Die meisten Stipendien - fünfzehn im Wert von zusammen 27 000 Euro im Jahr - finanzierte letztlich der örtliche Rotary Club. „Das Einwerben der Stipendien war zwar unglaublich aufwendig“, resümiert Freis, „aber letztlich ein großer Gewinn für die Universität.“

          Pinkwart: „Eine der wichtigsten Neuerung der letzten Jahrzehnte "

          An diesem Freitag hat der Bundesrat den Weg für ein nationales Stipendienprogramm freigemacht, das sich eng am nordrhein-westfälischen Vorbild anlehnt. Der scheidende Düsseldorfer Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) feiert das als“"eine der wichtigsten Neuerung im System der Studienfinanzierung der letzten Jahrzehnt“". Nun könne eine neue Stipendienkultur wachsen. Stolz weist er auf die breite Streuung der privaten Mittel, welche die 32 nordrhein-westfälischen Hochschulen für insgesamt 1400 Stipendien angeworben haben: 43 Prozent des Geldes stammt von Stiftungen und Vereinen, 38 Prozent aus der Wirtschaft, 17,5 Prozent von Privatpersonen.

          Auch Ulrich Radtke, der Rektor der Universität Duisburg-Essen, berichtet von guten Erfahrungen. Der Geographieprofessor hat sich persönlich auf die Suche nach Spendern gemacht und bei Firmenchefs die Klinken geputzt.“"Von den Großkonzernen gab es bis auf die Telekom-Stiftung fast nur Absage“", berichtet er. Besser lief es, nachdem Radtke die Jahresversammlung der örtlichen Industrie- und Handelskammer besucht hatte und dann zu mittelständischen Unternehmern eingeladen wurde.“"Die sind in der Region verwurzelt, die sehen den Vorteil, geeignete Nachwuchskräfte zu gewinnen, wenn sie Stipendien vergeben“" So ist es Radtke gelungen, 150 Stipendien einzuwerben - mitten in der Wirtschaftskrise.“"Obwohl die Region Duisburg-Essen mit Strukturproblemen zu kämpfen hat“"

          Allerdings sieht Radtke auch Nachholbedarf.“"Es sind bislang noch sehr wenig Einzelpersonen, die sich engagiere“", sagt er. Das Alumni-System, in dem sich ehemalige Studierende für ihre Hochschule einsetzen, sei in Deutschland unterentwickelt. Sollte der Plan der Bundesregierung aufgehen, den Anteil der mit Stipendien geförderten Studenten von derzeit 2 Prozent auf 10 Prozent zu heben, würde dies die Strukturen der Hochschulen auch noch auf andere Weise überfordern. An der Universität Duisburg-Essen etwa müsste die Zahl der eingeworbenen Stipendien von 150 auf 2500 steigern.“"Diese schiere Zahl ist kaum zu bewältige“", sagt Radtke. Der Verwaltungs- und Betreuungsaufwand sei zu hoch, manche Rektoren-Kollegen seien schon mit dem kleinen Stipendienanfang nicht zurechtgekommen.“"Einige waren nicht glücklich“"

          Viele Stipendiaten aus Nicht-Akademikerfamilien

          Die etwa von der SPD geäußerte Kritik, das Stipendienprogramm stelle eine Elitenförderung für Kinder aus gutem Hause dar, scheint hingegen nicht berechtigt. Eine Umfrage der Stiftung Studienfonds Ostwestfalen-Lippe, der an fünf staatlichen Universitäten und Hochschulen aktiv ist und knapp 140 Stipendien vergibt, zeigt: 57,4 Prozent der befragten Stipendiaten kommen aus Familien, in denen beide Eltern keine Akademiker waren; nur 26 Prozent kamen aus reinen Akademikerfamilien. Auch die Sorge, dass Fachhochschulen für Förderer weniger attraktiv seien als Universitäten, scheint unbegründet. Nach Zahlen des Düsseldorfer Ministeriums haben die FHs im Lande mehr als ein Drittel der Stipendien eingeworben. Eher berechtigt scheint die Sorge, dass die Förderung vor allem den technischen Fächern zugutekommen könnte.“"Die Stipendien kommen ganz überwiegend für Ingenieurs-, Volkswirtschafts-, BWL- und auch Medizinstudente“", berichtet Radtke. Die Sozial- und Geisteswissenschaften zögen weniger Förderer aus der Wirtschaft an.

          Enttäuscht zeigt sich der Rektor schließlich darüber, dass die Dachverbände der Wirtschaft bislang keinen nationalen Fonds für Stipendien angelegt haben.“"Die drücken sic“", kritisiert er. Tatsächlich hatte der damalige Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) Jürgen Thumann vor der Einführung von Studiengebühren versprochen, die Wirtschaft werde“"Geld in die Hand nehme“". Die Ankündigung weckte Hoffnung auf private Milliarden-Investitionen in Bildung. Einen Fonds für Studentenförderung wolle die Wirtschaft gründen, sagte Thumann vor vier Jahren. Eine zentrale Initiative gibt es aber bis heute nicht. Der BDI will sich selbst nicht mehr äußern und verweist auf eine Stellungnahme der Arbeitgeberverbands BDA.

          Dieser lobt vor allem den dezentralen Ansatz des neuen Stipendienprogramms: Jede Hochschule kann individuell Stipendien ausschreiben. Das sei zwar eine besondere Herausforderung, gibt Britta Freis von der Universität Bochum zu.“"Es führt den Bürgern aber auch vor Augen, dass Bildung und Hochschulen nicht allein Sache des Staates sind, sondern dass wir alle uns engagieren können“"

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