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Häufige Krankmeldungen : Berlins kranke Verwaltung

Das Rote Rathaus in Berlin. Hier findet die Wahl für das Abgeordnetenhaus statt. Bild: Getty

Am Sonntag wählt Berlin – und blickt auf seine Verwaltung: An 35,5 Tagen pro Jahr melden sich die Bediensteten der Hauptstadt krank. Warum ist der Rest der Republik gesünder?

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          Die Frau kam von auswärts nach Berlin, sie ist Abteilungsleiterin in einem städtischen Krankenhaus und kannte anfangs die Gepflogenheiten nicht. Gelegentlich wagte sie es, ihre Mitarbeiter auch mal auf einen Fehler hinzuweisen. Das kam nicht gut an. Regelmäßig blieb der betreffende Kollege tags darauf seiner Arbeit fern und legte stattdessen eine Krankschreibung für eine ganze Woche vor. Inzwischen verzichtet die Chefin, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will, auf Verbesserungsvorschläge, selbst auf freundlich formulierte – sofern die Pannen nicht allzu gravierend sind. Hauptsache, der Laden bleibt überhaupt am Laufen.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Solche Szenen spielen sich in der Hauptstadt öfter ab, und rasche Abhilfe ist nicht in Sicht. Kaum eine Zahl illustriert das miese Funktionieren der Berliner Verwaltung so sehr wie diese: An 35,5 Kalendertagen pro Jahr blieb der durchschnittliche Beschäftigte zuletzt seinem Arbeitsplatz fern, das ist deutschlandweiter Rekord. In der Bundesverwaltung lag die Zahl der jährlichen Abwesenheitstage pro Beschäftigten zuletzt bei 19,3, unter den Bediensteten des Freistaats Bayern waren es sogar nur 9,9 Fehltage. Mit anderen Worten: Die Beamten und Angestellten des Landes Berlin packen auf ihre Urlaubstage ungefähr die gleiche Zahl an Krankheitstagen obendrauf.

          Jedes Jahr veröffentlicht der Senat einen Bericht über die „pauschalen Gesundheitsquoten der Beschäftigten“, und jedes Mal reagiert die lokale Öffentlichkeit bestenfalls mit einem Achselzucken. Dass die Berliner Verwaltung ihren Aufgaben nicht nachkommt, wird inzwischen hingenommen. Selbst die oft monatelangen Wartezeiten auf einen Termin beim Bürgeramt, das Ausweise und Pässe ausstellt, gelten nach anfänglicher Aufregung heute als eine Art Folklore. Dabei sind sie ein ziemlich guter Gradmesser für das, was in Politik und Verwaltung der Hauptstadt schiefläuft, die am heutigen Sonntag ihr neues Landesparlament wählt.

          Es heißt, die Zahlen seien nicht vergleichbar

          Das beginnt schon mit dem Versuch, für das Thema überhaupt einen politischen Ansprechpartner ausfindig zu machen. Seit der vergangenen Wahl vor fünf Jahren sind die Zuständigkeiten aus Gründen des Parteiproporzes aufgeteilt. Innensenator Frank Henkel (CDU), der Spitzenkandidat seiner Partei für die aktuelle Wahl, verwaltet die Beamten. Finanzsenator Matthias Kollatz-Ahnen (SPD) administriert die Angestellten. Wie unter diesen Umständen ein gemeinsames Personalmanagement gelingen soll, bleibt ein Rätsel. Anfragen zum Thema verweisen die Sprecher der beiden erst mal an den jeweils anderen. Es dauert ungefähr zwei Tage, bis sich am Ende doch beide zu einer Stellungnahme bequemen. Sie fällt defensiv aus.

          Die Zahlen, so heißt es, seien nicht vergleichbar. Berlin rechnet in Kalendertagen, andere Verwaltungen in Arbeitstagen. In der Hauptstadt zählen auch kurze Ausfallzeiten von bis zu drei Tagen, für die kein Attest nötig ist, andernorts beginnt die Statistik erst am vierten Tag. Schließlich seien die Beschäftigten relativ alt, bedingt durch den Personalabbau der zurückliegenden Jahre. Das stimmt alles, aber es kann den großen Abstand nicht erklären. Die Kurzzeiterkrankungen machen nur einen kleinen Teil der Fehltage aus, nicht immer beinhaltet eine Krankschreibung auch Wochenenden oder Feiertage, und mit gut zwei Jahren Abstand liegt das Durchschnittsalter der Beschäftigten auch nur mäßig über dem gesamtdeutschen Wert.

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