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Häufige Krankmeldungen : Berlins kranke Verwaltung

Schon Merkel profitierte von der mangelhaften Verwaltung Berlins

Mit ihrem schwachen Staat lebten die Berliner lange Zeit recht gut, die Anarchie erwies sich sogar als Erfolgsfaktor. Dass Cafés ihre Stühle einfach auf die Straße stellten, gegen nächtlichen Lärm niemand einschritt und eine Sperrstunde ohnehin unbekannt war, trug zum Mythos der unbegrenzten Freiheit erheblich bei. Wer etwas auf die Beine stellen wollte, konnte auf die Unterstützung der Verwaltung zwar nicht zählen, musste in den meisten Fällen aber auch nicht mit Scherereien rechnen.

Die heutige Bundeskanzlerin profitierte sogar schon zu DDR-Zeiten davon, als sie sich – wie viele junge Leute im damaligen Ost-Berlin – eigenmächtig in einer leerstehenden Wohnung einquartierte: Der kommunalen Wohnungsverwaltung, an die Angela Merkel kurzerhand die Miete überwies, fiel das Fehlen eines regulären Mietvertrags überhaupt nicht auf.

Paradoxerweise schlägt nun der Erfolg des eigenen Nichtstuns auf die Verwaltung zurück. Weil die vermeintliche Anarchie der deutschen Hauptstadt in aller Welt auf einmal als so reizvoll gilt, wächst die Einwohnerzahl dramatisch – ein Ansturm, den wiederum nur funktionierende Behörden bewältigen können. Alle Berliner Skandale der jüngeren Zeit haben mit Wachstumsproblemen zu tun. Den neuen Flughafen hat man wegen steigender Passagierzahlen während der Bauphase ständig umgeplant, mit den bekannt fatalen Folgen. Die Bürgerämter kollabieren, weil sich so viele Neuberliner bei ihnen anmelden wollen. Das Lageso war überlastet, weil auch vielen Flüchtlingen die Hauptstadt als der attraktivste Ort in Deutschland gilt.

Hoher Krankenstand wird mit Überlastung erklärt

Der Hauptpersonalrat, der die Landesbediensteten vertritt, erklärt den hohen Krankenstand deshalb nicht nur mit einer mangelnden Kultur der Wertschätzung in den Amtsstuben, sondern auch mit Überlastung. Die zusätzlichen Planstellen, die jetzt kommen sollen, genügen dem Vorsitzenden Klaus Schroeder nicht. Er rechnet den Bedarf für die kommenden Jahre schon mal vor: 30.000 Beschäftigte, die in den Ruhestand gehen und ersetzt werden sollen; 10.000 zusätzliche Jobs für die wachsende Stadt; und 10.000 neue Mitarbeiter, die krankheitsbedingte Ausfälle ersetzen sollen. Macht zusammen 5.0000 Neueinstellungen.

Die Zahlen lassen sich aber auch umgekehrt lesen. Gelingt es, die Zahl der Krankmeldungen zu verringern, wären so viele neue Stellen womöglich gar nicht nötig. Dafür brauchte es freilich den Kulturwandel, den der Bielefelder Soziologe Badura für den öffentlichen Dienst ganz generell einfordert: mehr Orientierung an der gemeinsamen Aufgabe für die Stadt, weniger gegenseitige Schuldzuweisungen und Verantwortungslosigkeit.

In dieser Frage nehmen sich Verwaltung und Politik in Berlin allerdings nicht viel. Ob es die Flüchtlingsfrage war oder das Desaster bei den Bürgerämtern: Zumeist ging es in den fünf Jahren der Koalition von SPD und CDU nur darum, der jeweils anderen Partei den Fehler anzuhängen. Im Wahlkampf brachte CDU-Kandidat Henkel sogar das Kunststück fertig, den Personalabbau unter Wowereit und Sarrazin ebenso zu beklagen wie die hohen Schulden Berlins.

Nur in einer klitzekleinen Frage hat Bürgermeister Müller im Wahlkampf schon Einsicht gezeigt. Er will, dass sich nach der Wahl der Finanzsenator nicht nur um die Angestellten, sondern auch um die Beamten Berlins kümmern darf. Dann ist immerhin mal jemand zuständig. Und kann nicht mehr das beliebteste Berliner Spiel betreiben: mit dem Finger immer auf andere zu zeigen.

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