https://www.faz.net/-gqe-8li04

Häufige Krankmeldungen : Berlins kranke Verwaltung

Zudem verweisen Henkels Leute auf den hohen Anteil von „psychisch und physisch sowie gefahrenbelasteten Tätigkeiten“. Tatsächlich sind die knapp 22.000 Berliner Polizisten, die 3900 Feuerwehrleute und 2700 Vollzugsbeamten in den Gefängnissen überdurchschnittlich oft krank – an ungefähr jedem achten Arbeitstag. Und in der Tat haben Flächenländer weniger Polizisten und keine landeseigene Feuerwehr. Das gilt aber nicht für die beiden anderen Stadtstaaten Hamburg und Bremen, wo die Bediensteten ebenfalls seltener fehlen als in Berlin.

Und es betrifft auch andere Bereiche. Zum Beispiel das berüchtigte Landesamt für Gesundheit und Soziales, kurz „Lageso“ – und zwar schon lange bevor es unter der großen Zahl an Flüchtlingen zusammenbrach. Mit rund zehn Prozent Fehlzeiten rangiert das Amt seit vielen Jahren an der Spitze der Problembehörden. Bei den mehr als 37.000 Berliner Lehrern fällt beinahe jeder elfte Arbeitstag aus. Am gesündesten und motiviertesten sind demnach die Mitarbeiter des Regierenden Bürgermeisters Michael Müller (SPD). Die 210 Beschäftigten seiner Senatskanzlei erreichen eine Anwesenheitsquote von 94,2 Prozent, das ist dann schon gar nicht mehr so typisch für Berlin.

Krankenstand des öffentlichen Dienstes ist überall höher

Höher als in der Privatwirtschaft liegt der Krankenstand des öffentlichen Dienstes überall. Fachleute führen das auf veraltete Führungsstrukturen zurück, die zum Teil noch aus dem 19. Jahrhundert stammen. „Im Vergleich zur Privatwirtschaft ist die Unternehmenskultur im öffentlichen Dienst unterentwickelt“, sagt Bernhard Badura, Soziologe an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld. „Sie ist geprägt von extremen Hierarchien und regelorientierter Arbeit.“ Das wirke sich ungünstig auf die Motivation der Mitarbeiter aus – „und auf die Dauer auch auf den Gesundheitszustand“.

In der Hauptstadt ist es allerdings extrem. Zu Zeiten des alten West-Berlins galt der öffentliche Dienst als Instrument, um überhaupt genügend Leute in der eingemauerten Stadt zu halten. Im Vergleich zu westdeutschen Städten war die Verwaltung stark überbesetzt, der Output galt als nicht so wichtig. Im Osten hingegen war Hierarchiedenken besonders verbreitet. Nicht um eine bürgernahe demokratische Verwaltung ging es zu DDR-Zeiten. Sondern darum, sich die Leute vom Leib zu halten und nach Möglichkeit nicht anzuecken. Das alles ist nun schon 25 Jahre her. Aber Mentalitäten sind langlebig, Veränderungsprozesse zäh.

In den neunziger Jahren versuchte die Westberliner CDU mit ihrem Bürgermeister Eberhard Diepgen und Fraktionschef Klaus Landowsky, die Befindlichkeiten der öffentlich Bediensteten möglichst nicht zu stören. Das Ergebnis war eine Rekordverschuldung, die nach dem Wechsel zum SPD-Regierungschef Klaus Wowereit und seinem Finanzsenator Thilo Sarrazin 2001 eine scharfe Sparpolitik erzwang. Personalabbau und Umstrukturierungen, etwa die Fusion von Bezirksverwaltungen, schufen unter den Beschäftigten zum Teil neuen Frust. Doch viele Abläufe beschleunigten sich sogar. So waren die jetzt kritisierten Bürgerämter damals ein Fortschritt: Es gab nun immerhin Termine, während man vorher bisweilen einen halben Tag lang in stickigen Warteräumen saß.

Weitere Themen

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.