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Sehnsucht nach eigener Währung : Warum die Niederlande nicht so leicht aus dem Euro könnten

Auch das ist Wahlwerbung: Geert Wilders auf einem unechten Gulden-Schein. Der Rechtspopulist kämpft schon lange gegen den Euro. Bild: AP

Sollten die Niederlande besser zum Gulden zurückkehren? Die Vor- und Nachteile soll eine Kommission klären. Zunächst klingt die Hoheit über die eigene Währung ja auch gut. Ein Blick in unsere Nachbarländer aber zeigt: so leicht wird das nicht.

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          Das niederländische Parlament hat offenbar eine Untersuchungskommission in Auftrag gegeben, die Vor- und Nachteile des Euro analysieren und den Abgeordneten damit eine Diskussionsgrundlage geben soll. Das Ergebnis wird erst nach den Parlamentswahlen am 15. März vorliegen, möglicherweise wird es sogar einige Monate dauern, um die Analyse durchzuführen.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Antragsteller sind die Christdemokraten, die im niederländischen Parlament die größte Oppositionspartei stellen. Sie stören sich insbesondere an der Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank, die dem niederländischen Sparer schade. Auch wenn mit dem Antrag nicht unbedingt die Absicht verknüpft ist, aus dem Euro auszusteigen, steht zumindest der Gedanke zwangsläufig im Raum.

          Schaut nach Dänemark

          Zunächst einmal mag die Hoheit über die eigene Währung gut klingen. Die niederländische Zentralbank könnte über die Leitzinsen nach nationalem Interesse entscheiden und müsste nicht Beschlüsse mittragen, die sich an den Erfordernissen der Währungsunion orientieren.

          Ob dies auch praktisch funktionieren würde, ist indes eine andere Frage. Dazu muss man nur den Blick 800 Kilometer weiter nach Nordosten wenden. Dänemark, EU-Mitglied seit 1973, hatte sich im Jahr 2000 in einer Volksabstimmung gegen die Einführung des Euro entschieden. Das Land behielt die Dänische Krone bei.

          Doch ob die Dänische Krone tatsächlich eine eigenständige Währung ist, erscheint recht zweifelhaft. Seit dem Jahr 1998 schwankt der Kurs der Krone zwischen 7,4188 und 7,4711 Kronen für den Euro. Die Krone stieg also maximal 0,5 Prozent über den mit der EU festgelegten Leitkurs zum Euro und fiel nicht mehr als 0,09 Prozent darunter. Sie darf aber bis zu 2,25 Prozent darüber stiegen oder fallen. Mit anderen Worten: Ihre Bindung an den Euro ist extrem eng.

          Insofern ist die dänische Krone im Grunde fast so etwas wie ein Euro mit einem anderen Namen. Für die dänische Geld- und Währungspolitik bedeutet dies sogar eher ein Verlust an Freiheit. Denn als Nicht-Euroland sitzt die dänische Zentralbank nur im erweiterten Rat der Europäischen Zentralbank (EZB), nicht aber im EZB-Rat, der über die Geldpolitik entscheidet. Die dänische Nationalbank hat keine eigene geldpolitische Strategie, sie setzt den Leitzins ausschließlich dafür ein, den Wechselkurs stabil zu halten.

          Dass das nicht immer einfach ist, zeigte sich verschiedentlich in der Vergangenheit, zuletzt 2015, als Spekulationen auf ein Ende der Wechselkursbindung die Krone unter Druck setzten. Der immer wieder aufflammende Aufwertungsdruck zwang die Nationalbank, auch den Leitzins weit in den negativen Bereich zu senken, um die Krone für spekulative Zuflüsse weniger interessant zu machen.

          Schaut nach Island

          Dennoch ist die seit bald 150 Jahren bestehende Wechselkursbindung der dänischen Krone, mal an das Gold, zuletzt an D-Mark und Euro, unumstritten. Im Gegenteil waren die wenigen Jahre flexibler Kurse stets sehr kritisch für das kleine Königreich.

          Auch der niederländische Gulden ist schon lange vor Einführung des Euro keine wirkliche unabhängige Währung, sondern an die Entwicklung der D-Mark gebunden gewesen. Es kann gerade für kleine Länder durchaus sinnvoll sein, ihre Währungen an die eines ungleich größeren Haupthandelspartners zu binden, weil dadurch Stabilität nicht nur in diesen Handelsbeziehungen entsteht.

          Dahinter steht die Erkenntnis, dass kleine, offene Volkswirtschaften äußeren Einflüssen in hohem Maß ausgesetzt und nur bedingt Herr der eigenen wirtschaftlichen Entwicklung sind. Deutlich zu sehen war dies während der Finanzkrise etwa an Island. Hohe Zuflüsse spekulativen Geldes ließen die Krone zunächst stark aufwerten und das Geschäft der Banken boomen. Mit Eintritt der Krise aber wurden die Gelder abgezogen, Banken und Wechselkurs kollabierten.

          Auch ein neuer Gulden bliebe am Euro hängen

          Ein ähnliches, vielleicht nicht ganz so schweres Schicksal könnte der Niederlande bei Einführung eines neuen Gulden drohen. Es ist davon auszugehen, dass die Devisenmärkte – gerade nach einem Austritt etwa der Niederlande – die Stabilität des Euro eher niedrig einschätzen. Es könnte daher zu einem massiven Kapitalzufluss kommen, der den Gulden stark aufwerten ließe. Für die niederländische Wirtschaft wäre dies ein Problem, gerade weil sie so stark mit der deutschen verflochten ist.

          Die Zentralbank müsste mit Zinssenkungen reagieren, fast weniger um die Wirtschaft zu beleben, als um spekulative Zuflüsse zu reduzieren – ähnlich wie etwa Dänemark oder die Schweiz. Der holländische Sparer bekäme so noch weniger Zinsen. Eines der Hauptargumente der Euro-Gegner in den Niederlanden hätte sich in sein Gegenteil verkehrt.

          Führt die (hypothetische) Aufwertung des (hypothetischen) Gulden zu einer Rezession, könnten sich die Kapitalströme rasch umkehren. Selbst wenn solche Anpassungsphasen glimpflich abliefen, bliebe der Gulden auch mittelfristig weiter von seinem Verhältnis zum Euro geprägt.

          Schaut in die Schweiz

          Gerade weil die Niederlande ein verhältnismäßig kleines Land sind, brächte ihr der Ausstieg aus dem Euro nicht die erhoffte geld- und währungspolitische Freiheit. Denn dazu wäre der Einfluss des Euroraums auf die heimische Wirtschaft zu groß. Auch den Versuch der Schweiz vor einigen Jahren, sich gegen die Aufwertung des Franken zu stemmen, muss man als gescheitert betrachten.

          Weit größer als die wirtschaftliche Bedeutung einer Gulden-Einführung ist die politische Sprengkraft des Vorschlags. Ein Ausstieg Griechenlands als Randstaat des Euroraums würde von den Devisenmärkten wohl letztlich akzeptiert. Auch der Brexit – zumal den Euro nicht betreffend – wird aufgrund der Sonderrolle, die Großbritannien in der EU stets zu spielen bedacht war, als Einzelfall behandelt.

          Doch das Ausscheiden eines Gründungsmitglieds der EU aus dem gemeinsamen Projekt Euro, das wäre nicht nur für die gemeinsame Währung ein heftiger Schlag. Bislang sind die Niederländer ausweislich der Umfragen allerdings mehrheitlich ohnehin klar dafür, den Euro zu behalten.

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