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Gütesiegel : Die gentechnische Glaubwürdigkeitslücke

  • -Aktualisiert am

Bisher sind nur wenige Produkte mit dem Siegel „ohne Gentechnik” ausgezeichnet Bild:

Die Verbraucher in Deutschland sehnen sich nach Produkten ohne Gentechnik, doch ein entsprechendes Gütesiegel setzt sich nicht durch. Nur wenige Produkte tragen es bisher. Verbraucherschützer schöpfen jetzt Verdacht.

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          Diese Produkte müssten eigentlich Kassenschlager im Handel sein. Denn fast achtzig Prozent der Verbraucher sagen in Meinungsumfrage, sie lehnten die grüne Gentechnik ab. Ein Kennzeichen verspricht das Erwünschte: dass Fleisch, Milch oder andere tierische Produkte „ohne Gentechnik“ erzeugt worden seien – wenn den Tieren keine gentechnisch veränderten Futtermittel verabreicht wurden. Es wurde vor einem Jahr auf Betreiben von Gentechnik-Gegnern in der SPD und unter Mithilfe des ehemaligen Agrarministers Horst Seehofer (CSU) eingeführt.

          Doch neue Kennzeichen ist bisher kein Kassenschlager, das Angebot ist bisher recht kümmerlich. Auf einer Liste der Verbraucherzentrale Hamburg finden sich lediglich 18 Produkte – von Cornflakes über Milch bis hin zu einem Sojakost-Mix. Unter den Herstellern dominieren eher kleinere Lieferanten, Firmen wie etwa Tegut oder der Nudelhersteller Alb-Gold, die nicht gerade zu den bekannten Größen der Nahrungsmittelbranche zählen.

          Gentech-Sorten in Nord- oder Südamerika

          Vor allem für Gentechnik-Gegner scheint es eine Überraschung zu sein, dass das Sortiment so überschaubar ist und das Kennzeichen in der Flut der Öko-Label bisher nur eine Nischenexistenz führt. „Das Angebot ist zu klein und zu wenig breit gefächert“, beklagt die verbraucherpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Elvira Drobinski-Weiß. Auch die Organisation Foodwatch ist irritiert, sie mahnt aber zur Geduld. „Die Kennzeichnung ist freiwillig, da dauert es erfahrungsgemäß, bis die Unternehmen Marktchancen sehen“, sagt Matthias Wolfschmidt, stellvertretender Geschäftsführer von Foodwatch.

          Die Mehrheit der Bauern in Nord- und Südamerika pflanzt bereits Gentech-Sorten an

          Andere Verbraucherschützer haben den Verdacht, dass Unternehmen die höheren Kosten für eine Sortierung der Futtermittel scheuen. „Die geringe Verbreitung des Kennzeichens lässt vermuten, dass gentechnisch veränderte Futtermittel in großem Umfang eingesetzt werden, ohne dass dies die Verbraucher erfahren“, argumentiert Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg.

          Das Angebot an konventionell erzeugten Futtermitteln wie Soja oder Mais wird immer knapper, denn Europa muss diese agrarischen Rohstoffe größtenteils importieren. In Nord- oder Südamerika pflanzen aber immer mehr Landwirte Gentech-Sorten. Diese haben inzwischen einen Anteil von 72 Prozent an der weltweiten Sojaernte.

          Ein bisschen Gentechnik darf sein

          Der große Geflügelmäster Wiesenhof verspricht seinen Kunden dennoch einen gentechfreie Fütterung der Tiere, weil er über eine entsprechende Lieferkette verfügt. Doch ausgerechnet Wiesenhof, von dem viele glaubten, es würde sofort seinen Hähnchen das Kennzeichen verpassen, scheut bisher vor diesem Schritt zurück. Man stört sich daran, dass eine wichtige EU-Verordnung, auf die das deutsche Gesetz Bezug nimmt, nicht präzise genug ist. Sie schreibt vor, dass Futtermittel nur dann als gentechfrei gelten, wenn die Beimischung von bis zu 0,9 Prozent „zufällig“ oder „technisch unvermeidbar“ war. Das ist Wiesenhof zu heikel, weil die Kontrollbehörden der Länder den Begriff „zufällig“ unterschiedlich auslegen könnten und dann womöglich das Gentechfrei-Label nachträglich beim Kunden desavouiert wird. Erst wenn es in dieser Hinsicht Rechtssicherheit gibt, will Wiesenhof-Vorstandsvorsitzender Peter Wesjohann das Kennzeichen verwenden.

          Dass die Großen aus Industrie und Handel sich mit dem Siegel nicht so recht anfreunden wollen, überrascht nicht. Sie wollten das Kennzeichen nicht, weil es Produkte ohne dieses Symbol im Umkehrschluss zu Gentech-Erzeugnissen stempeln würde. Die Branche lehnte das Label aber auch deshalb ab, weil man darin eine Irreführung der Verbraucher sieht. Denn ein bisschen Gentechnik darf im Fleisch oder in der Milch schon sein, weil lediglich modifizierte Futtermittel verboten sind, nicht aber biotechnisch hergestellte Vitamine oder Enzyme.

          „Glaubwürdigkeitsdefizit wird nicht beseitigt“

          Auch Marcus Girnau zählte zu den Kritikern, und daher wundert sich der Geschäftsführer des Bundes für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde in Berlin nicht, dass dies bisher nur ein Nischenmarkt geworden ist. „Dieses Kennzeichen hat ein Glaubwürdigkeitsdefizit, das dem Verbraucher nicht vermittelbar ist“, sagt er.

          Auch Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) scheint offenbar dieses Defizit entdeckt zu haben, das sie von ihrem Vorgänger Seehofer erbte. Daher will ihr Ministerium im Herbst ein Logo kreieren und eine Organisation beauftragten, sich um die Glaubwürdigkeit eines solchen Symbols zu kümmern. Erste Entwürfe zeigen ein Kennzeichen, dass drei Ähren zeigt und in der Form einem Vorfahrtsschild ähnelt. Girnau bleibt dennoch ein Skeptiker, glaubt nicht, das mit einem schönen Kennzeichen aus der Nische ein Massenmarkt wird. „Auch mit einem guten Symbol wird das Glaubwürdigkeitsdefizit nicht beseitigt.“

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