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Grüne Woche : Knollenziest und Dioxin

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„Auch billige Lebensmittel müssen sicher sein”: Ilse Aigner Bild: dpa

Die Grüne Woche beginnt - und alle reden übers Dioxin. In diesem Jahr ist die Messe für Agrarministerin Aigner keine Bilderbuchkulisse. Zum Auftakt muss die Ministerin Käse aus einer Allgäuer Sennerei probieren und ausgiebig loben. Ebenso ein seltsames Wurzelgemüse namens Knollenziest.

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          Ilse Aigner steht im Wald. Dass sie ihn vor lauter Bäumen nicht sieht, würde sie natürlich vehement bestreiten - wo es doch inmitten des Dioxin-Durcheinanders ihre vornehmste Aufgabe als Agrarministerin ist, den Überblick zu behalten. Doch es ist auch nur ein sehr kleiner Wald, den die CSU-Politikerin am Donnerstag besichtigen musste. Ein Stück Nutzwald, verpflanzt in die Halle 23 a des Berliner Messegeländes.

          Es ist Grüne Woche in der Hauptstadt, und auch wenn die agrarpolitische Großwetterlage derzeit keineswegs alltäglich ist - Ilse Aigner erschien am Donnerstag wie eh und je zum traditionellen Spaziergang durch die Ausstellung ihres Ministeriums. Der Bummel von Stand zu Stand ist dabei immer nur ein Vorgeschmack auf die Dreieinhalb-Stunden-Wanderung, die ihr an diesem Freitag auf der Messe bevorsteht - und für die sie stets einen guten Magen und starke Nerven braucht. Doch schon am Donnerstag musste die Ministerin Käse aus einer Allgäuer Sennerei probieren und ausgiebig loben, ebenso ein seltsames Wurzelgemüse namens Knollenziest und geräuchterte Fische, die vorher in einer Art Symbiose mit Tomatenpflanzen gelebt haben.

          In diesem Jahr steht für die Politiker, die sich auf der Agrarmesse die Klinke in die Hand geben, eine Sache jedoch noch mehr im Vordergrund als die ständige Esserei: die Dioxinfunde im Tierfutter. Um gewappnet zu sein für die Fragen der Besucher, wurde das Personal am Stand des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit aufgestockt; die staatlichen Dioxinexperten haben Stellung bezogen. Zwischen den Informationsbroschüren über Baumschulen und Biomasse liegen auch solche über Dioxin in Lebensmitteln. Und die Journalisten witzeln, ob das winkende Maskottchen des Erlebnis-Bauernhofs, die Kuh Karla, schon auf Dioxin getestet worden sei.

          Grüne Woche : Knollenziest und Dioxin

          Schon bevor der Lebensmittelskandal ins Rollen kam, hatte Ilse Aigner angekündigt, auf der Grünen Woche über den Wert von Lebensmitteln sprechen zu wollen - oder vielmehr über die Frage, was den Verbrauchern gute Lebensmittel wert sein sollen. Nun aber hat das Thema derart an Brisanz gewonnen, dass Ilse Aigner zunehmend unter Druck gerät. Denn nicht nur in Berlin wird heftig gestritten, ob der enorme Preisdruck im Lebensmittelmarkt Skandale anzieht - und ob eine grünere Agrarpolitik nötig ist.

          Verbilligte Kredite

          Die Ministerin bewegt sich mit äußerster Vorsicht auf diesem Minenfeld. Sie wisse, sagte sie am Donnerstag, dass viele Menschen jeden Cent zwei Mal umdrehen müssten. Trotzdem müssten die Verbraucher ihre Konsumgewohnheiten hin und wieder überdenken. Damit sie bloß nicht falsch verstanden wird, sagt sie aber auch immer wieder den gleichen Satz in die Mikrofone: "Auch billige Lebensmittel müssen sicher sein." Während die Opposition immer lauter eine umwelt- und tierfreundlichere Lebensmittelproduktion verlangt, hält sich Ilse Aigner bedeckt. Auf der Pressekonferenz mit deutschen und ausländischen Agrarjournalisten wich sie der Frage nach agrarpolitischen Konsequenzen jedenfalls mit größter Konsequenz aus. Ob das landwirtschaftliche System Schuld am Dioxin sei, wurde sie gefragt. Als Antwort kam kein Ja, kein Nein - nur ein "alle Lebensmittel müssen sicher sein, egal wo und wie sie produziert wurden".

          Wahrscheinlich denkt die Ministerin in solchen Momenten immer mal wieder an die Zeit vor einem Jahr zurück. Damals hatte sie zaghaft den Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Klimaschutz angedeutet. Doch als Fleischindustrie und Tiermäster über sie herfielen, ruderte sie rasch zurück. Angesichts solcher Szenarien vermeldete die Ministerin lieber eine Wohltat, von der sie sicher sein konnte, dass sie in Bauernkreisen gut ankommen wird: Die Landwirtschaftliche Rentenbank wird den Bauern, die wegen des Dioxinskandals Einkommenseinbußen erleiden, verbilligte Überbrückungskredite zur Verfügung stellen.

          Grüne Woche

          Die 76. Internationale Grüne Woche öffnet am Freitag für Besucher. Auf der weltgrößten Messe von Landwirtschaft, Ernährungsindustrie und Gartenbau präsentieren sich in der Zeit zwischen dem 21. und 30. Januar 2011 mehr als 1600 Aussteller aus über 50 Ländern. Besucher können an zahlreichen Ständen Genüsse aus aller Welt probieren, auf dem Erlebnisbauernhof den Weg der Nahrung verfolgen oder in der Blumenhalle tausende Pflanzen bewundern.

          Offiziell eröffnet wurde die Messe am Donnerstagabend von Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU). Die Veranstalter rechnen insgesamt mit 400.000 Besuchern in den Hallen am Berliner Funkturm. Tageskarten kosten 12 Euro, Schüler und Studenten bezahlen 8 Euro. Eine Familienkarte kostet 26 Euro. Kinder unter 6 Jahren haben freien Eintritt.

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