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Grüne Woche in Berlin : Zank ums Land

  • -Aktualisiert am

Böse Agrarindustrie? Auf der Grünen Woche gibt es irrationale Kritik - aber auch berechtigte.

          Wenn die Fahnen flattern, steckt der Verstand in der Trompete, sagt ein Sprichwort. In diesem Sinne kann man auf jeder Demonstration halbgare Sprüche entdecken - etwa auf solchen, auf denen sich die Leute mit Schweine- und Hühnergewändern verkleiden, sich tot stellen und behaupten, Monsanto und ein Freihandelsabkommen sei an allem schuld.

          An diesem Samstag, zum Auftakt der Verbrauchermesse Grüne Woche, gibt es das wieder in Berlin: Großdemonstration gegen die Agrarindustrie. Sie hat etwas Heikles, denn von den Nudeln und Müsli dieser Industrie dürften die meisten der mehreren zehntausend Teilnehmer leben. Was also wollen die Leute und die vielen beteiligten Umweltverbände, Kirchen, Globalisierungsgegner, Bauern, Dritte-Welt- oder Veganergruppen?

          Reiz der Bewegung

          Die berühmte Köchin Sarah Wiener, die auch mitlaufen will, begründet ihren Auftritt so: „Ich möchte keine Tierfabriken, keine Tiere, die mit Antibiotika verseucht sind, kein Glyphosat, das ich dann pinkeln muss.“ Ja, wer will das schon - verseuchte Tiere essen, Pestizide pinkeln.

          Aber es ist eben alles nicht so simpel wie die Bilder der Aktivsten. Sie haben zwar viele Argumente gegen Massentierställe, Pestizide, Fleischverzehr, transatlantischen Freihandel, gegen alles. Doch die Ziele der Teilnehmer sind auch höchst widersprüchlich - etwa die Forderung nach veganer Lebensweise und nach einer bäuerlichen und handwerklichen Wurstproduktion.

          Der Reiz der Bewegung liegt in ihren Worten: in den Hoffnungen auf eine Welt „freier“ Bauern, die „unabhängig“ von Weltkonzernen „Seite an Seite mit den Verbrauchern“ wirtschaften. Alles das klingt gut - zu gut, um wahr zu sein. Diese Freiheit gibt und gab es nie. Die Unfreiheit hat sich mit der Industrie nur verändert.

          Keine Pestizide, keine Gentechnik

          Heute erntet ein Landwirt etwa fünfmal so viel Weizen wie vor hundert Jahren. Heute gibt eine Kuh ein Vielfaches an Milch. Das wäre unmöglich ohne die Industrialisierung: technischen Fortschritt in der Tier- und Pflanzenzucht, auch im Labor, die agrochemische „grüne Revolution“, die Umwandlung von Erdöl in Stickstoffdünger, naturwissenschaftliches Studium für immer mehr Landwirte und derzeit die digitale Vernetzung.

          Es bleibt das Geheimnis der Grünen und der vereinten Protestler, wie die Entwicklung rückgängig gemacht werden soll, ohne auch das Gute zu verlieren: die Erntesteigerungen. Denn das wollen sie erklärtermaßen: weg von den Pestiziden, keine Gentechnik in den Nahrungsmitteln, keine „überzüchteten“ Tiere. Die ehrliche Antwort: Das ginge nur mit Verzicht auf Fleisch, denn Tiere brauchen viel Futter. Aber die meisten Menschen essen Fleisch. Übrigens verschweigen Veganer gerne, dass für den Anbau von Soja in Brasilien und anderswo Regenwald abgeholzt wird.

          Doch was ist mit dem Versprechen der Anti-Industrie-Bewegung - „frei von Konzernen“ zu werden? Ist der Kern eigentlich Kapitalismuskritik? Besonders „frei“ waren die guten alten Bauern nicht. Sie kämpften mit fehlendem Regen, Hagel oder Kartoffelkäfern. Bis zur Industrialisierung gab es immer wieder Hungerkrisen. Das will niemand mehr.

          Preise im Keller

          Landwirte sind längst hoch spezialisiert. Sie produzieren Weizen, Mais, Schwein oder Huhn. Spezialisierung nimmt Freiheit und gibt dafür eine neue Art von Freiheit: Sie macht vom Dilettanten zum Experten aber immer auch abhängig von einem Netzwerk anderer Spezialisten.

          Im Fall eines Tierhalters sind das Züchter, von denen er Tiere kauft, und auch die Schlachtkonzerne, die später die Tiere kaufen. Es ist diese Kette, die Kritiker mit dem Schlagwort vom „agroindustriellen System“ wohl meinen - wenn nicht sogar die „Industrialisierung“ an sich. Denn es gibt wirklich ein Problem, das mit dem „System“ zu tun hat: Die Bauernhöfe werden weniger und weniger. Gerade in diesen Monaten wieder, da die Preise für Getreide, Milch und Fleisch im Keller sind.

          Gesellschaftlich gesehen, beklagenswert?

          Es gibt nur noch rund 280 000 Bauernhöfe, vor vierzig Jahren waren es noch fast viermal so viele. Es ist kein Ende des „Höfesterbens“ in Sicht. Denn immer weniger Bauern sind nötig, um mehr zu ernten. Zudem aber sieht es so aus, als seien die Bauern das schwächste Glied einer Wertschöpfungskette, in der am Anfang forschungsstarke Zuchtkonzerne stehen und Lidl und Aldi am Ende.

          Die Bauern, die zu Spezialisten wurden, konnten ihr Wissen nur manchmal zu entsprechend steigenden Gewinnen machen. Die meisten liefern austauschbare Rohstoffe. Wenn die Nachfrage am Weltmarkt groß ist, verdienen sie gut. In anderen Zeiten fallen die Einkommen - um fast 40 Prozent im Schnitt im vergangenen Jahr. Dann verlieren manche den Hof ihrer Eltern.

          Ist das, gesellschaftlich gesehen, beklagenswert? Ja, weil Landwirtschaft mehr ist als Industrie, auch Landschaft und Kultur. Familien, die den Hof der nächsten Generation übergeben wollen, gehen besser mit Land und Böden um. Landwirte sind die Brücke vom Verbraucher zum Lebensmittel: Sie erklären Kindergarten- und Schülergruppen, woher das Essen kommt. Das geht am besten dann, wenn es noch einen Landwirt im Ort gibt. Und der wird wahrscheinlich besser mit den Tieren umgehen, wenn er nicht selbst Überlebensangst hat.

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